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Nichts ist so, wie es scheint

27 April 2018, 08:55

Verschwörungstheorien





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Warum verfangen Verschwörungstheorien eigentlich? Eine gewisse Anfälligkeit dafür liegt offenbar in der Natur des Menschen. Der Germanist Sören Stumpf erforscht gemeinsam mit seinem Kollegen David Römer an der Universität Trier, welche sprachlichen Mittel Verschwörungstheorien glaubwürdig machen.

ZEIT ONLINE: Sie betrachten Verschwörungstheorien als festen Bestandteil der modernen Mediengesellschaften. Neben sprachlichen Mitteln, die solche Theorien erfolgreich machen – welche Rolle spielen Internet und Social Media?

 

 

 

Sören Stumpf: Das Web 2.0 hat Verschwörungstheorien sichtbarer gemacht, sodass es uns so vorkommt, als ob diese allgegenwärtig seien. Sie sind auch zugänglicher geworden, man kann sich mit aller Welt vernetzen und in Foren austauschen. Der Amerikanist und Kulturwissenschaftler Michael Butter hat allerdings auch nachgewiesen, dass Verschwörungstheorien in der Geschichte völlig legitimes Wissen gewesen sind und es bis 1945 durchaus nicht ungewöhnlich war, an Verschwörungstheorien zu glauben und sie zu verbreiten.





ZEIT ONLINE: Was macht Verschwörungstheorien aus?

Stumpf: Man kann Verschwörungstheorien als Versuch definieren, Ereignisse oder Zustände als das heimliche Wirken einer Gruppe zu erklären, nämlich die der Verschwörer, die im Verborgenen nach einem Plan agieren und Vorteile für sich selbst herausschlagen wollen. Die Strategie der Verschwörungstheoretiker ist es, vermeintliche Ungereimtheiten in der allgemein anerkannten Sicht auf die Dinge, den Konsens in der Politik, in den Medien oder in der Wissenschaft, aufzudecken und dem eine andere Version entgegenzusetzen. In einer Verschwörungstheorie ist nichts Zufall, nichts ist so, wie es scheint, und alles ist irgendwie miteinander verbunden. Und es wird eigentlich immer die Frage nach den Nutznießern der angeblichen Verschwörung gestellt.

ZEIT ONLINE: Man könnte sagen, jeder kann spinnen, wie er möchte. Oder haben Verschwörungstheorien konkrete Folgen?

Stumpf: Ja, durchaus, wobei hier vor allem die negativen ins Auge fallen. Zum Beispiel der Reichsbürger, der einen Polizisten erschossen hat, als die Polizei ihn in seinem Haus aufsuchte. Verschwörungstheorien sind auch an den Lügenpresse-Vorwürfen nicht unbeteiligt. Diese haben in manchen Fällen auch zu Angriffen auf Journalisten geführt. In dem Wort Lügenpresse steckt ja ganz konkret der Gedanke, dass die Presse von oben gesteuert wird, dass sie nicht frei ist, dass vorgegeben wird, was sie zu berichten hat.

ZEIT ONLINE: Die Lügenpresse-Vorwürfe werden ja auch von populistischen Parteien und Bewegungen erhoben.

Stumpf: Da gibt es durchaus Überschneidungen, insbesondere im Rechtspopulismus. Doch nicht jede Verschwörungstheorie ist populistisch. Solche wie "Die Erde ist flach" sind eher absurd. Aber bei Verschwörungstheorien, bei denen es um politische und gesellschaftliche Themen geht, gibt es Parallelen: die starke Verkürzung und Vereinfachung, der Kontrast zwischen "denen da oben und uns hier unten", die Eliten gegen das Volk. Und so wie es Links- und Rechtspopulismus gibt, gibt es auch Verschwörungstheorien, die eher auf rechter Seite oder auf linker Seite verbreitet werden.

Ein Paradebeispiel dafür ist laut Butter Donald Trump: Er hat im Wahlkampf gezielt Verschwörungstheorien eingesetzt, zuerst etwas distanzierter mit Formulierungen wie "Ich habe gehört, dass …". Doch als die Wahl näher rückte, hat er in seinen Reden beispielsweise ganz direkt Verschwörungstheorien über seine Gegner verbreitet. Damit präsentierte er sich als jemand, der sich gegen das Establishment stellt und selbst mit dem Volk verbunden ist.

 

ZEIT ONLINE: Sie haben sich etwa 1.800 Kommentare zu Videos auf YouTube angesehen, die Verschwörungstheorien zum Attentat auf den Berliner Breitscheidplatz enthalten. Welche Theorien wurden vertreten?

Stumpf: Wir haben erst mal festgestellt, dass es auf YouTube im Grunde mehr Weihnachtsmarkt-Verschwörungstheorie-Videos gibt als andere Videos zum Thema "Attentat auf dem Breitscheidplatz". Unter den Kommentaren waren die beiden meistgenannten Theorien: Der Anschlag sei eigentlich im Auftrag der Bundesregierung als sogenannte False Flag ausgeführt worden, um härtere Überwachungsgesetze durchzusetzen. Der andere beliebte Erzählstrang war, dass der Anschlag ebenfalls von der Regierung inszeniert wurde, er aber in der Form überhaupt nicht stattgefunden habe, und dass alle Beteiligten nur Schauspieler gewesen seien – auch mit dem Ziel, ein Klima zu schaffen, das mehr Kontrolle über die Bevölkerung legitimiert.

ZEIT ONLINE: Welche Argumentationsmuster sind Ihnen dabei aufgefallen?

Stumpf: Wir haben insbesondere zwei abstrakte Muster gefunden. Das erste lässt sich so zusammenfassen: Wenn Beweise für die offizielle Version fehlen, ist diese nicht wahr. Konkret hieß es zum Beispiel, es hätten sich keine Blutspuren am Lkw gefunden, es gäbe keine Handyvideos und keine Verletzten – deswegen hätte es den Anschlag nicht gegeben. Und das zweite Muster lautet: Die offizielle Version widerspreche Naturgesetzen, deshalb sei sie nicht wahr. So wurde beispielsweise behauptet, der Lkw wäre gar nicht durch diese schmale Gasse gekommen, bestimmte Poller und Buden seien unbeschädigt geblieben. Das wird dann als Beleg gesehen, dass die offizielle Version nicht wahr sei.





ZEIT ONLINE: Welche sprachlichen Mittel verwenden die Kommentatoren?

Stumpf: Zum einen haben wir sogenanntes Entlarvungsvokabular entdeckt wie Negationen, etwa "kein Anschlag", oder relativierende Ausdrücke wie "angeblich" und "vermeintlich". Um umgekehrt die eigene Version zu stärken, wurden Adjektive wie "sicher" und "eindeutig" genutzt. Dann haben wir zusammengesetzte Wörter entdeckt, wie "Staatsterrorismus", "Fake-Terroranschlag", "Verarschungsregierung". Außerdem wird mit festen Redewendungen versucht, die Glaubwürdigkeit infrage zu stellen, wie "Etwas stinkt zum Himmel", "Etwas wird unter den Teppich gekehrt" oder "Jemand hat seine Hände im Spiel". Darüber hinaus spielen Metaphern eine große Rolle: etwa "hinters Licht führen" oder die "Marionetten", die man auch bei den Lügenpresse-Vorwürfen findet.


Quelle:Zeit


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