change language     -        


"Ich will die Entschuldigung des Lkw-Fahrers nicht mehr"

19 December 2019, 17:22

Menschen





news_image

Quelle Image: https://www.bz-berlin.de/tatort/menschen-vor-gericht/siebenjaehrigen-jungen-ueberrollt-lkw-fahrer-bekommt-bewaehrung

 

Im Juni 2018 wurde der siebenjährige Constantin in Berlin von einem abbiegenden Lkw erfasst und tödlich verletzt - vor den Augen seiner Mutter. Der Fahrer wurde kürzlich zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Jetzt sprechen die Eltern des Kindes erstmals. Von Ulf Morling


 

rbb: Frau S., sie fuhren direkt hinter ihrem Kind, als die Ampel auf dem Radweg auf Grün sprang und Constantin von dem Lkw beim Rechtsabbiegen überrollt wurde. Der 61-jährige Berufskraftfahrer wurde vor knapp zwei Wochen wegen fahrlässiger Tötung unter anderem zu einer sechsmonatigen Bewährungsstrafe verurteilt. Ist das für Sie und ihren Mann eine Art Genugtuung?

Julia S.: Definitiv wird es nie Gerechtigkeit oder ein gerechtes Urteil für Constantin und unsere Familie geben. Aber wir brauchten den Prozess, um abschließen zu können. Aber die Trauer geht natürlich weiter.

 

Sie und Ihr Mann waren Nebenkläger im Prozess. Oma und Opa von Constantin, weitere Verwandte und viele Freunde saßen mit im Saal. Wie haben Sie das Verfahren erlebt?

Julia S.: Es war einfach nur schrecklich. Der Prozess hat für uns alle, fast anderthalb Jahre nach dem Tod unseres Jungen, höchste Kraftanstrengung und Konzentration bedeutet.

 

Wie haben Sie den angeklagten Lkw-Fahrer wahrgenommen?

Alexander S.: Der Angeklagte hat im Prozess erzählt, dass er eine Menschentraube beobachtet hatte und deshalb abgelenkt war. Er wollte sich also besser darstellen, als er sich verhalten hat. Es war sehr schwer für mich, im Prozess mit diesem Mann in einem Raum zu sitzen und mir das anzuhören. Aber es gehört zur Aufarbeitung und zur Suche nach Gerechtigkeit dazu. Und jetzt ist der Prozess gewissermaßen abgeschlossen.

 

Ist das Urteil aus ihrer Sicht gerecht?

Alexander S.: Natürlich nicht! Ich hätte den Lkw-Fahrer zumindest psychologisch begutachten lassen, ob er weiter Lkw, beziehungsweise Auto fahren darf. Bis heute kann der Angeklagte ja einfach weiterfahren. Gerade einmal vier Wochen nachdem er unseren Sohn getötet hatte, war er bei Rot über eine Ampel gefahren und geblitzt worden. Man könnte glauben, dass er sich den Tod Constantins nicht gerade zu Herzen genommen hatte. Aber ich bin kein Richter.

Julia S.: Eine sechsmonatige Bewährungsstrafe und 500 Euro Geldauflage für die Kindernothilfe ist wohl ein strafrechtlich eher hohes Urteil - aber nicht, was die Menschlichkeit angeht. Wenn man danach gegangen wäre, hätte es eine höhere Strafe sein müssen. Auch wenn der Täter jetzt arbeitslos wäre, wie er vor Gericht erzählte, wird er trotzdem vielleicht mit seinem Privatauto weiter herumfahren. Die Menschen müssten mehr aufeinander achten im Verkehr.





Der Lkw-Fahrer wurde wegen fahrlässiger Tötung verurteilt. Sie wären bei dem tödlichen Unfall ihres Sohnes fast auch noch überrollt worden, weil Sie direkt hinter ihrem Kind fuhren, stellte das Gericht fest. Das Schöffengericht urteilte, der Angeklagte habe mehrere Sekunden lang nicht aufgepasst beim Rechtsabbiegen und trage eine vergleichsweise geringe Schuld. Können Sie diesen Tenor des Urteils verstehen?

Julia S.: Man sollte definitiv die Strafen anheben, damit solche Unfälle nicht mehr passieren. Der Führerschein muss - gerade bei einem Berufskraftfahrer - weg; die meistens verhängten Geldstrafen müssen höher sein. Wir können im Prinzip schon froh sein, dass der Lkw-Fahrer, der Constantin totfuhr, nicht nur die üblichen drei Monatsgehälter seines Einkommens als Strafe zahlen muss, sondern für ihn eine Freiheitsstrafe ausgesprochen wurde. Er sollte Sozialstunden ableisten müssen in einer Kinderunfallklinik und sich so mit den Unfallopfern beschäftigen. Das fände ich auch eine menschliche Strafe.

 

Am 13. Juni 2018 waren Sie mit ihrem Sohn auf dem Rad unterwegs. Sie wollten ihn zur Schule bringen. Sie fuhren geradeaus und der Lkw wollte rechts abbiegen. Sie hatten Grün, als Sie losfuhren...

Julia S.: Er hätte uns sehen müssen, denn laut Unfallgutachter waren wir zwölf Sekunden lang in allen Spiegeln auf der rechten Seite des Lkw zu sehen. Er hat wohl nicht bemerkt, was er getan hat, selbst nach der ersten Kollision mit dem Fahrrad meines Sohnes, der dadurch stürzte und unter die Hinterreifen geriet. Hätte der Angeklagte beim ersten Anstoß eine Notbremsung eingeleitet, oder wenn ein Abbiegeassistent mit Notstop-Funktion eingebaut gewesen wäre, wäre es nicht zum Überrollen von Constantin gekommen. Der Lkw-Fahrer wurde erst aufmerksam, als die Leute auf der Straße geschrien, Autos gehupt und Zeugen gegen den Lkw geklopft haben. So kam er laut Gutachten erst nach weiteren 14 Metern zum Stehen. Bis zu zwölf Sekunden soll der Berufskraftfahrer nicht in die Spiegel seines Lkw gesehen und nicht einmal angehalten haben, als er um die Ecke bog.

 

Wie erlebten Sie den Lkw-Fahrer direkt nach dem Unfall?

Julia S.:
 Ich sah Constantin auf der Straße liegen. Der Angeklagte stieg aus seinem Lkw und ich fragte ihn, ob er der Lkw-Fahrer sei und er sagte: "Ja". Ich zeigte mit beiden Händen auf meinen toten Sohn und fragte ihn: "Und nun?" Er sagte dann: "Auf was soll ich noch alles achten?" Das wars. Dann habe ich nichts mehr von ihm gesehen oder gehört in anderthalb Jahren. Erst jetzt im Prozess habe ich ihn wiedergesehen.

 

Nach dem Opferentschädigungsgesetz wird Opfern und Angehörigen von vorsätzlich an ihnen begangenen Straftaten Hilfe zuteil. Constantin kam durch fahrlässige Tötung ums Leben. Wie wurden Sie, Ihr Mann und die beiden Schwestern Constantins von den Behörden unterstützt?

Julia S.: 
Da gab es leider gar nichts. Wir mussten uns um alles selber kümmern. Wir haben das Glück, einen stabilen Familien- und Freundeskreis zu haben. Aber von öffentlicher Seite kam gar nichts. Erst nach sieben Monaten hatten wir die Möglichkeit, Psychologen aufzusuchen. Das wurde uns aber über unsere Hausärzte vermittelt. Von den Krankenkassen oder der Notfallseelsorge kam gar nichts. Mein Mann und ich waren immer füreinander da. Und mit dem Beistand der Familie und der Freunde haben wir das überstanden. Ansonsten hätten wir das nie geschafft.

 

Hätte es sie schockiert, oder hätten Sie es sich gewünscht, dass sich der Lkw-Fahrer einmal bei ihnen meldet?

Julia S.: 
Ich hätte es mir sehr gewünscht, unbedingt. Ich habe anderthalb Jahre darauf gewartet, eine menschliche Reaktion von ihm zu bekommen. Und wenn es nur ein Brief oder eine Karte gewesen wäre, irgendetwas, auch wenn es vielleicht seine Anwälte formuliert hätten. Aber da kam gar nichts. Auch im Gerichtssaal  gab es keinen Blick, nichts. Eine über die Anwälte angebotene Entschuldigung brauche ich anderthalb Jahre nach dem Tod unseres Sohnes auch nicht mehr. Ich will die Entschuldigung des Lkw-Fahrers nicht mehr.

 

Nach dem Urteil beginnt für ihre Familie erstmals eine Zeit, in der sie sich ganz und gar auf ihre Trauer einlassen kann?

Julia S.: Absolut. Der Prozess war ein großer Rucksack, den wir uns aufgeladen und anderthalb Jahre mit uns herumgetragen haben. Der ist jetzt weg, der offizielle Teil ist beendet. Jetzt kann man beginnen, die Trauer und den Schmerz zu leben und aufzuarbeiten. Wir brauchen aber weiter unsere psychologische Betreuung.

Hilft das?

Julia S.: Ja, es wäre natürlich schön gewesen, wenn wir einen Traumatherapeuten hätten wählen können. Aber der steht uns staatlicherseits nicht zu. Mein Mann und ich gehen zu Verhaltenstherapeuten. Aber jeder muss, glaube ich, seinen eigenen Weg finden, um damit umzugehen und es zu verarbeiten.





Was wünschen Sie sich für die Opfer und Angehörigen von Straftaten, wie sie Ihnen widerfuhr?

Julia S.: 
Gerade direkt nach dem Tod Constantins wäre es so wichtig gewesen, dass wir von professionellen Betreuern an die Hand genommen worden wären, um die ganzen Behördengänge zu erledigen, selbst um die Beerdigung zu organisieren. Eine schnelle psychologische Hilfe statt monatelangen Wartens, wenn der ganzen Familie der Boden unter den Füßen weggezogen wird, ist genauso überlebenswichtig. Aber vielleicht kann das keiner verstehen, der so etwas nicht selbst erlebt hat.

Vielen Dank für das Gespräch!


Quelle:rbb24


Hat dir dieser Artikel gefallen? Dann teil ihn mit deinen Freunden.




Folgt uns um keinem Artikel mehr zu verpassen




news_image

Vergessen Sie die Gesichtserkennung! Forscher auf der ganzen Welt haben neue Wege und Technologien gefunden, um Sie zu überwachen. Laser, die Ihren Herzschlag oder ihren individuellen Mikroorganismus erfassen, werden längst entwickelt.

Read more

news_image

Wir alle kennen das Gefühl uns hin und wieder Niedergeschlagen oder trauig zu fühlen. Wenn diese Geühle allerdings über längeren Zeitraum anhalten, spricht man von einer Depression oder einer depressiven Verstimmung.

Read more

news_image

Der Stadtrat hat ein 1,2-Milliarden-Dollar-Hilfspaket zur Bekämpfung der Obdachlosigkeit gewährt, bis 2025 soll es in LA Tausende Betten in Mini-Siedlungen geben, derzeit sind es insgesamt 1500. Wenn jedes davon von mehreren Leuten genutzt wird, niemand s

Read more

news_image

Hauptaufgabe des Lohn- und Sozialdumping-Bekämpfungsgesetzes (LSD-BG) ist es, die arbeitsrechtlichen Ansprüche von Arbeitnehmern zu sichern und einen fairen Wettbewerb zwischen den Unternehmungen zu ermöglichen.

Read more

news_image

m die Herstellungskosten von Waren zu senken, suchen Unternehmen nach Strategien, um sicherzustellen, dass die Preise ihrer Produkte niedrig genug sind. In diesem Bestreben lagern Unternehmen, die in entwickelten Ländern ansässig sind, nicht nur die Produ

Read more


allnews_image

Jetzt möchte das Unternehmen Geld verdienen und das soll nicht nur mit Werbung passieren.

Voir plus


allnews_image

Seit 2015 forscht und lehrt er am Institut für Soziale Ökologie an der Universität für Bodenkultur in Wien. Er ist Mitherausgeber eines Sachstandberichts des Climate Change Center Austria, der die gesellschaftlichen Strukturen für ein klimafreundlicheres

Voir plus


allnews_image

Partnerschaften mit pharmazeutischen Labors Nähere Details nennt die Ankündigung nicht, wir haben jedoch bereits gesehen, wie KI im medizinischen Bereich eingesetzt wird, beispielsweise als AlphaFold von DeepMind die Struktur von Proteinen vorhersagen ko

Voir plus


allnews_image

Wie Google zu seiner Zeit, aus der Alphabet wurde, ändert Facebook seinen Namen, damit seine zukünftigen Produkte wie eine vernetzte Uhr und das Metaverse nicht unter dem Image von ... Facebook leiden

Voir plus


allnews_image

Es ist das derzeit am meisten gehypte Essen! Und das ist gut in dieser Zeit der COP 26, in der sich bereits 80 Länder verpflichtet haben, die Methanemissionen bis 2030 um 30 % zu senken balbisiana.

Voir plus


allnews_image

Wie bei allen maschinellen Lernalgorithmen passt sich Delphi an, und diese Antworten sind nicht mehr dieselben. Delphi scheint in seiner Reife gemildert zu sein und reagiert nun mit angemesseneren Antworten.

Voir plus



allnews_image

Die vielleicht auffälligsten und alarmierendsten Veränderungen wurden jedoch im Gehirn beobachtet. Durch den Vergleich von Gehirnscans, die vor und nach dem Experiment durchgeführt wurden, stellten die Ärzte fest, dass die Ernährung die Schaffung neuer fu

Voir plus


allnews_image

Das eVTOL-Elektroflugfahrzeugkonzept von SkyDrive wird derzeit durch den SD-03 repräsentiert, der im August 2020 eine erfolgreiche bemannte Flugdemonstration absolvierte.

Voir plus


allnews_image

Obwohl ich mir sicher bin, dass Impossible Foods darauf aus ist, die Angeberrechte dafür zu bekommen, bin ich nicht ganz davon überzeugt, dass künstliche Lebensmittel etwas sind, das wir wirklich brauchen. Ich meine, die Idee, tonnenweise Nahrung zu sich

Voir plus


allnews_image

Jetzt fordern sie die Haushalte auf, vor dem Winter Lebensmittel zu lagern, was unter den Internetnutzern wilde Verschwörungen über die Verschärfung der Spannungen mit Taiwan entfacht.

Voir plus


allnews_image

Kennen Sie das Cognitive Warefare Project (Projekt zur kognitiven Kriegsführung) der NATO? Ich bislang auch noch nicht.

Voir plus


allnews_image

Die Briten wurden auch gewarnt, auf die Anzeichen zu achten, dass sich die Supererkältung zu einer tödlichen Lungenentzündung entwickelt hat.

Voir plus


allnews_image

Kassenlose Discounter: Aldi Nord eröffnet bald ein neues Ladenkonzept, das ganz ohne Kassiererinnen auskommt. Per KI-gestützter Infrastruktur soll der Einkauf unkomplizierter werden.

Voir plus


allnews_image

Stellen Sie sich ein Netzwerk unsichtbarer Sensoren vor, die in Stadtstraßen eingebettet sind, um den Verkehr, Straßenschäden zu überwachen und alle verfügbaren Parkplätze in Echtzeit zu identifizieren.

Voir plus


allnews_image

Seit geraumer Zeit hört man wieder vermehrt das Thema "Cannabis Legalisierung" in Deutschland. Was ist dran an dem getuschel und kommt die Legalisierung wirklich nach Deutschland? Unter welchen Vorraussetzungen könnte das passieren? Und stimmt es das durc

Voir plus


allnews_image

Samsung forscht bereits an einem Nachfolger des noch relativ jungen 5G-Standards. Für 6G hat das Unternehmen schon letztes Jahr ein Whitepaper vorgelegt, das auch Mobilfunk im Terahertz-Frequenzbereich vorsieht. Mit der University of California, Santa Bar

Voir plus


allnews_image

Alle Videos der #AllesDichtMachen Kampagne

Voir plus


allnews_image

Alle Videos der #AllesDichtMachen Kampagne

Voir plus


allnews_image

Das Bundesinnenministerium fordert eine anlasslose Personen-Vorratsdatenspeicherung mit verifizierten Daten aller Bürger:innen, die im Internet über Messenger oder E-Mail kommunizieren. Wir veröffentlichen den Volltext des Forderungskataloges.

Voir plus


allnews_image

Unbekannte haben sich offenbar Corona-Hilfen ergaunert - in derart großem Stil, dass der Bund die Abschlagszahlungen vorerst einstellt - mitten in der Krise.

Voir plus




allnews_image

China verfolgt mit dem Infrastrukturprojekt „Neue Seidenstraße“ nicht nur wirtschaftliche Interessen, glaubt Martin Uebele von der University of Groningen. Der Dozent für „Economic and Social History“ geht davon aus, dass Peking auch auf der politischen B

Voir plus


allnews_image

Nach dem Corona-Gipfel heißt es, Angela Merkel habe ihre Strategie geändert. Hat sie gar nicht. Sie ist wieder allen voraus und beweist Gespür. Ein Kommentar. STEPHAN-ANDREAS CASDORFF

Voir plus


allnews_image

Wie geht es mit der Impfpflicht weiter? Bekommt Deutschland auch einen grünen Pass, oder etwas ähnliches? Werden wir womöglich doch "Gezwungen" uns impfen zu lassen um am Leben teilhaben zu können? Was geschieht mit den nicht geimpften? Was dürfen und was

Voir plus


allnews_image

Wer heute Abend zwischen 21 Uhr und 22 Uhr noch nicht weiß was er machen soll, kann sich die erste Rede von Donald Trump live auf Youtube verfolgen.

Voir plus


allnews_image

Bundesfinanzminister Olaf Scholz zeigt sich zuversichtlich, dass es bald eine Rückkehr „zu einem normaleren Leben“ geben werde. Bei dem Zusammenspiel zwischen der Öffnungsstrategie, den Impfungen und dem Testen brauche es aber „eine Lösung aus einem Guss“

Voir plus