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1,75 Millionen Euro: EU förderte Stahlkonzern, der Nordkoreaner ausbeutete

August 22, 2018, 2:04 pm

Type: Politik

       




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Image © Patrick Chappatte in «Le Temps»

Am 22. September 2016 unterzeichnete die polnische Stahlfirma JW Steel einen Vertrag mit dem europäischen Fonds für regionale Entwicklung. Das Dokument trägt den Namen POIR.03.02.02-00-0141/16.

Hinter der Zeichenfolge verbirgt sich ein Schweißverfahren für besonders große Stahlteile. Mit der Technologie soll JW Steel dauerhaft Arbeitsplätze in der wirtschaftlich abgehängten Region um Stettin schaffen. Der EU-Fonds förderte dieses Projekt mit 4.901.639 Zloty, damals rund 1,14 Millionen Euro. Im Folgejahr lieferte JW Steel Teile für den Offshore-Windpark Arkona, den E.ON gerade vor der Küste Rügens baut.

Doch die Erfolgsgeschichte von JW Steel baut auf Ausbeutung auf, wie Recherchen von Motherboard und Journalisten der Arte-Dokumentation "Dollar Heroes" ergaben. Für den Konzern schufteten nicht nur einheimische Schweißer, sondern auch nordkoreanische Zwangsarbeiter.

Polen stellte Hunderte Visa für Nordkoreaner aus

Deren Lohn floss an das Subunternehmen Redshield, das vier Nordkoreanern gehört und dem nordkoreanischen Staat nahesteht. Mittel aus dem EU-Fonds wanderten auf diesem Weg vermutlich in die Kasse des Kim-Regimes.

Das funktionierte so: Polen stellte in den vergangenen Jahren Hunderte Visa für nordkoreanische Arbeitsmigranten aus, 2016 lebten etwa 800 von ihnen im Land. 2015 waren es laut EU-Statistiken 482. Das war damals legal.

Wer sich falsch verhält, gefährdet seine Familie in Nordkorea

Die Arbeitsbedingungen der nordkoreanischen Arbeiter in Polen verstießen jedoch gegen polnisches Recht, wie die örtliche Arbeitsaufsichtsbehörde Forschern von der niederländischen Universität Leiden bestätigte. Laut einem Bericht schufteten Nordkoreaner teils wochenlang ohne Pausentag, manchmal mehr als zwölf Stunden am Stück. Urlaub bekamen sie keinen.

Nordkoreaner aus verschiedenen anderen polnischen Firmen berichteten, dass sie sich nur selten frei bewegen durften. "Ich bin fast pleite, weil ich in den letzen zwei Monaten kein Gehalt bekommen habe", sagte einer. Dennoch beschwerten sich die Arbeiter nach eigenen Angaben nicht bei ihren Chefs – weil sie Angst haben. Er fürchte um das Leben seiner Frau und Kinder, die er in der Heimat zurücklassen musste, sagte ein Nordkoreaner.

All das erzählten uns die Arbeiter nur heimlich: Wer mit Journalisten spreche, dem drohten Verhöre durch Vertreter des nordkoreanischen Geheimdienstes, sagten sie.

"Ich mache hier Urlaub"

Ob die Arbeitsbedingungen für die Redshield-Arbeiter bei JW Steel ähnlich schlecht waren, konnten wir nicht verifizieren. Als wir den JW-Steel-Chef danach fragen, gab er zu, dass Nordkoreaner für ihn arbeiteten. Weil die aber über einen Subunternehmer angestellt gewesen seien, könne er nichts darüber sagen, wie lange ihre täglichen Arbeitszeiten waren und ob sie freie Tage hatten. Ein Redshield-Vorarbeiter pries seine Arbeiter damit an, dass sie 11-Stunden-Schichten ohne Murren ableisten würden.

Direkt neben dem Werksgelände von JW Steel steht ein unscheinbares Einfamilienhaus. Am Briefkasten des Hauses Nummer 71 findet sich kein Namensschild, eine Klingel gibt es nicht. Als wir an der Haustür klopften, öffnete nach mehreren Versuchen ein Nordkoreaner. Er sagte nur: "Ich mache hier Urlaub."

Gardinen zu und keine Klingel: Im Haus Nummer 71 wohnen die Nordkoreaner | Bild: Rebecca Rütten | Motherboard

Polnische JW-Steel-Mitarbeiter berichten allerdings anonym, dass die Nordkoreaner in dem Haus 71 in dem Betrieb gearbeitet hätten. Nachbarn erzählen, dass die Arbeiter auf dem Werksgelände angeschrieen und eingeschüchtert worden seien.

Die Arbeiter müssen "Revolutionssteuer" für das Regime zahlen

Die Angestellten von Redshield verdienten laut Vertrag etwas weniger als 500 Euro im Monat und damit den polnischen Mindestlohn. Davon bekamen sie vermutlich aber nur einen Bruchteil. Arbeiter aus anderen Firmen berichteten von weniger als Hundert Euro.




 

In einem Interview von Videojournalisten für die Dokumentation "Dollar Heroes" berichtet ein hochrangiger nordkoreanischer Ex-Diplomat, dass bei nordkoreanischen Gastarbeitern normalerweise der Großteil des Lohnes als "Revolutionssteuer" an das heimische Regime floss. Experten bezeichnen dieses Modell als Zwangsarbeit.

Ob Redshield diese "Steuer" abführt, konnten wir nicht prüfen. Die Firma war für eine Anfrage nicht zu erreichen.

Insgesamt zahlte die EU knapp 1,75 Millionen

POIR.03.02.02-00-0141/16 war das erste von insgesamt drei Förderprojekten von JW Steel. Im November 2016 überschrieb die EU 63.000 Euro an die Firma und im Dezember desselben Jahres noch einmal rund 543.000 Euro. Insgesamt bekam JW Steel knapp 1,75 Millionen Euro.

Ein Bruchteil dieser EU-Gelder floss vermutlich über JW Steel und die Redshield-Zwangsarbeiter in die Kasse des nordkoreanischen Regimes.

Diktator Kim Jong-un kauft mit seinen Devisen unter anderem Raketentechnologie auf dem Schwarzmarkt.

EU kontaktiert Polen wegen JW Steel

Die EU-Kommission verwies auf die Charta der europäischen Grundrechte, die Sklaverei und Zwangsarbeit verbietet, selbstverständlich auch für geförderte Projekte. Sie schob die Verantwortung nach Polen weiter: Die örtlichen Behörden müssten dafür sorgen, dass sich geförderte Projekte an Charta und europäische Gesetze halten. "Wir haben Kontakt zu dem relevanten Mitgliedsstaat aufgenommen und prüfen, ob die Vorwürfe stimmen", teilte eine Sprecherin auf Anfrage mit.

Grundsätzlich hat die EU bei der Auswahl der Projekte kaum Einfluss. Sie schießt Mittel zu staatlichen Subventionen in strukturschwachen Regionen zu, wenn die Projekte ökologischen Standards genügen – bei Windkraftanlagen offenbar kein Problem. Eingreifen kann die EU nur, indem sie das gesamte Förderbudget für Polen kürzt.

Im Herbst 2017 verschärften die Vereinten Nationen ihre Sanktionen gegen Nordkorea noch einmal: Ab dem 11. September ist es verboten, neue Arbeitserlaubnisse für nordkoreanische Arbeiter auszustellen. Wenig später beendete JW Steel offenbar die Zusammenarbeit mit Redshield.


Quelle: mothetboard



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