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"Probleme offen und ehrlich ansprechen"

May 22, 2018, 12:09 pm

Type: law

       




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SPIEGEL ONLINE: Frau Wahn, ein 81-Jähriger ist in Brandenburg in eine Gruppe Radfahrer gerast, solche Unfälle werfen immer wieder die Frage nach der Fahrtüchtigkeit älterer Menschen auf. Anders als in anderen europäischen Ländern gibt es in Deutschland keine gesetzlich vorgeschriebene Überprüfung der Fahreignung älterer Menschen. Was sind Indikatoren dafür, dass man altersbedingt nicht mehr fahrtüchtig ist? Bemerkt man das selber überhaupt?

Nina Wahn: Vor allem Sehprobleme sind ein Warnsignal, aber auch sich häufende kleine oder Beinaheunfälle. Die Einschätzung der eigenen Fähigkeiten ist sehr unterschiedlich, grundsätzlich kann ein zunehmendes Gefühl der Unsicherheit aber ein erstes Anzeichen fehlender Fahrtüchtigkeit sein. Senioren sollten außerdem bei der Umstellung von Medikationen oder der Einnahme verschiedener Medikamente mit dem Hausarzt auch übers Autofahren sprechen. Aber auch eine Fahrstunde oder ein Fitnesstest können helfen, die eigenen Fähigkeiten besser einschätzen zu können.

Zur Person
  • ADAC
    Nina Wahn ist Verkehrspsychologin beim Automobilclub ADAC und beschäftigt sich dort mit den psychologischen Aspekten des Straßenverkehrs und der Mobilität
  •  

SPIEGEL ONLINE: Oft sind es Familienangehörige, denen auffällt, dass die Verwandten nicht mehr so flüssig fahren wie früher. Wie kann ich als Kind meine Eltern auf eine mögliche Fahruntüchtigkeit ansprechen?

Wahn: Viele Senioren kompensieren altersbedingte Leistungseinbußen gut durch ihre hohe Fahrerfahrung oder eine angepasste Fahrweise. Details fallen einem oft erst auf, wenn man mit den betroffenen Verwandten im Auto mitfährt. Gibt es Auffälligkeiten, sollte man möglichst früh mit den Betroffenen reden und das Gespräch nicht aufschieben. Falls Emotionen und Sorgen das Gespräch bestimmen, kann es hilfreich sein, eine neutrale Person hinzuzuziehen, zum Beispiel einen Fahrlehrer oder den Hausarzt. So eine neutrale Instanz kann helfen, Gefühle aus dem Gespräch herauszuhalten.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es so etwas wie einen Gesprächsleitfaden für dieses heikle Thema?

Wahn: Es gibt hier keine Standards. Die Gesundheit, aber auch die Familiensituation und die vorhandenen Alternativen zum Auto sind bei allen Menschen unterschiedlich. Bei solchen kritischen Gesprächen hilft eine offene und ehrliche Ansprache - sie muss aber frei von Vorwürfen sein.

SPIEGEL ONLINE: Welche Ängste sind mit der Abgabe des Führerscheins verbunden?

Wahn: Mobilität ist Teil der Selbstbestimmung. Ein Verlust der Mobilität bedeutet den Verlust der Freiheit, selbst darüber zu entscheiden, wann ich wo sein möchte. Gerade deshalb ist es wichtig, Alternativen wie den öffentlichen Nahverkehr oder Ruf- oder Familientaxen bereits zu kennen und dadurch auch akzeptieren zu können.




 

SPIEGEL ONLINE: Wie kann ich solchen Ängsten als Kind oder Angehöriger am besten begegnen?

Wahn: Indem man die Optionen aufzeigt und die Betroffenen unterstützt. Sei es durch gemeinsames Üben einer Fahrt mit dem öffentlichen Nahverkehr oder durch Zusagen der Familie. Eine weitere Möglichkeit ist, dass der Enkel oder die Enkelin von der Fahrerfahrung der Großeltern profitiert und dafür den Angehörigen regelmäßig zu Terminen fährt. Dadurch sammeln sie Fahrpraxis und die Großeltern sind mobil, ohne selbst fahren zu müssen. Hier sind aber Sicherheit und Zuverlässigkeit sehr wichtig.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es Modelle oder Initiativen, die Senioren den Umstieg erleichtern könnten oder bei denen sie ihre Fahrtüchtigkeit prüfen können, z.B. spezielle Fahrsicherheitskurse?

Wahn: Es gibt spezielle Kurse für ältere Kraftfahrer. Die sollen das Fahrverhalten verbessern und den Teilnehmern Rückmeldung zu ihrem Fahrverhalten geben. Dabei findet eine Fahrstunde in der gewohnten Umgebung mit dem eigenen Auto statt, in der ein speziell ausgebildeter Fahrlehrer mögliche Schwachstellen aufzeigt und hilft, geeignete Strategien zu finden, um diese Schwächen auszugleichen. An solchen Programmen des ADAC nahmen im letzten Jahr mehr als 3000 ältere Autofahrende teil.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Senioren haben denn einen Führerschein? Und ist die Unfallhäufigkeit in dieser Altersgruppe höher, oder sind die Folgen nur gravierender?

Wahn: Leider werden die Zahlen zur Fahrerlaubnis erst seit 1999 zentral erfasst, weshalb die Zahl der Führerscheininhaber ab 65 Jahren deutlich unterschätzt wird. Menschen ab 65 Jahren machen etwa 21 Prozent an unserer Bevölkerung aus, jedoch nur etwa 15 Prozent der Hauptverursacher bei Pkw-Unfällen mit Personenschaden. Tatsächlich sind Senioren im Straßenverkehr eher gefährdet, als selbst Gefährder zu sein. 2016 machten sie über 30 Prozent der im Straßenverkehr Getöteten aus, insbesondere als ungeschützte Radfahrende oder Fußgänger sind sie aufgrund der erhöhten Verletzlichkeit besonders gefährdet.

SPIEGEL ONLINE: Wird sich diese Frage durch das autonome Fahren in Zukunft nicht mehr stellen?

Wahn: Fahrerassistenzsysteme können heute schon helfen, motorische Defizite auszugleichen und das Fahren sicherer zu machen. Autonome Fahrzeuge wären ein großer Gewinn an Eigenständigkeit, nicht nur für ältere Menschen, sondern für alle Personen, die derzeit in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, unabhängig vom Alter. Sie könnten durch selbstfahrende Autos frei entscheiden, wann sie wo sein wollen, ohne auf einen Führerschein angewiesen zu sein.


Quelle: Spiegel



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