change language     -        


Opioid-Krise in den USA: Stürzte täglich eine Boeing ab, würden wir doch auch etwas ändern

May 7, 2018, 11:57 am

Type: Konsum

       




news_image

Hunderttausende Menschen in den USA nehmen Opioide oder sind abhängig von ihnen. Sie schlucken Schmerzmittel wie Oxycodon oder spritzen sich Heroin oder das oft stärker wirkende Fentanyl. Schuld daran ist auch, dass Medizinerinnen und Ärzte entsprechende Medikamente in den USA jahrzehntelang mitunter leichtfertig verschrieben haben. Studien zeigen, dass drei von vier Heroinabhängigen, die nach 2000 süchtig geworden sind, mit verschriebenen Opioiden angefangen haben ("JAMA": Cicero et al, 2014). Nie zuvor starben mehr Frauen und Männer an den Folgen einer Überdosis. Vergangenen Oktober rief Präsident Donald Trump den nationalen Gesundheitsnotstand aus. Doch das wird das Problem nicht lösen, da ist sich Ruth Dreifuss sicher. Die ehemalige Bundespräsidentin der Schweiz und Vorsitzende der Weltkommission für Drogenpolitik fordert einen radikalen Sinneswandel im Umgang mit der Krise. Ein Gastbeitrag.

Die Opioid-Krise in den USA trifft fast jede Region und jede soziale Schicht und führt zu 170 Todesfällen pro Tag – ungefähr die Passagierkapazität einer Boeing 737. Wenn ein solches Flugzeug jeden Tag abstürzte, würde die Regierung zweifellos die aktuellen Richtlinien des Flugverkehrs radikal ändern, um Leben zu retten. Tragischerweise enthält der kürzlich vorgestellte Plan der US-Regierung zur Bewältigung der Krise zwar einige vielversprechende Maßnahmen. Jedoch schlägt er wirksame Reformen nicht vor. Die Schlagzeilen wurden von Präsident Trump dominiert, der die Todesstrafe für Drogenhändler forderte. Damit kehrt er nicht nur zu einem harten, auf Strafverfolgung basierenden Ansatz zurück, welcher jahrzehntelang versagt hat, sondern führt ihn zu neuen Extremen. Die USA lassen sich offenbar von der repressiven Drogenpolitik jener Länder inspirieren, die wiederholt wegen Menschenrechtsverletzungen kritisiert wurden.





Eine solche Politik basiert auf dem Glauben, dass eine drogenfreie Gesellschaft möglich ist. Dabei werden die immensen menschlichen, sozialen und wirtschaftlichen Kosten des gescheiterten sogenannten Kriegs gegen

Drogen vergessen. In Südostasien beispielsweise unterstützen diese Überzeugungen gewalttätiges Vorgehen von Polizei und Militär auf den Philippinen und in Kambodscha. Die Wende in den USA könnte nun Länder wie Singapur, Malaysia, Indonesien, die ihre Haltung zur Todesstrafe zu lockern begannen, dazu bringen, nötige Reformen aufzugeben. Die Auswirkungen könnten im Mittleren Osten, wo elf der 33 Länder liegen, in denen die Todesstrafe wegen Drogenkriminalität verhängt wird, noch viel schlimmer sein.

Teufelskreis aus Vorurteilen, Stigmatisierung und Kriminalisierung

Eine Politik, die auf Repression und unverhältnismäßig schwere Strafen setzt, funktioniert nicht. Singapur stellt wenig verlässliche Daten zur Verfügung, um die Behauptung zu stützen, dass es kein Drogenproblem habe. Eine Aussage, die durch die hohe Inhaftierungsrate des Landes und die Tatsache, dass 80 Prozent der Gefängnisinsassen wegen Drogendelikten verurteilt wurden, infrage gestellt wird. Auf den Philippinen gibt es trotz der mehr als 12.000 Toten, die auf das harte Durchgreifen der gegenwärtigen Regierung zurückzuführen sind, keine signifikanten oder dauerhaften Auswirkungen auf den Drogenhandel. Der thailändische Justizminister, dessen Land 2003 seinen eigenen Drogenkrieg geführt hatte, gestand 2016 das Scheitern dieser Politik ein, welche innerhalb der ersten drei Monate rund 2.800 Menschen tötete, die nicht einmal vor Gericht gestellt wurden.

Menschen, die Drogen konsumieren, kaufen keine Drogen, um sich selbst zu töten.

Der wiederbelebte Law-and-order-Ansatz in den USA sieht Härte als wirksames Mittel zur Eindämmung der Kriminalität an. Er ermutigt die Strafverfolgungsbehörden in den USA dazu, Drogenkonsum weiterhin zu stigmatisieren, Konsumenten zu schikanieren und unverhältnismäßige Haftstrafen zu verhängen. Es ist ein Ansatz, der wenig Verständnis für die Komplexität des Themas zeigt und kein Mitgefühl für diejenigen, die oft nur wenige Alternativen haben, als sich für ihr wirtschaftliches Überleben am Drogenhandel zu beteiligen. Er reagiert auf die Ängste derer, die Drogenkonsumenten als schlechte Menschen betrachten und Angebote wie Nadelaustauschprogramme, die ihnen helfen, Gesundheitsrisiken zu reduzieren, verurteilen. Er fördert Panikmache – wie die Antidrogenwerbung im US-Fernsehen der Achtzigerjahre –, die sich als ineffektiv erwiesen hat. Er verstärkt einen Teufelskreis aus Vorurteilen, Stigmatisierung und Kriminalisierung, der letztlich zu Menschenrechtsverletzungen führt, und die schlimmste davon wäre die Todesstrafe für Drogendelikte, einschließlich gewaltfreier.

Menschen, die Drogen konsumieren, kaufen keine Drogen, um sich selbst zu töten. Ebenso wenig verkaufen Drogendealer vorrangig mit der Absicht, diejenigen zu töten, die ihre Kunden sind. Trotzdem töten illegale Drogen jeden Tag Menschen. Überdosierungen treten allerdings häufig auf, weil mehrere Substanzen gleichzeitig konsumiert oder mit Alkohol gemischt werden. Zudem gibt es gefährliche Konsumgewohnheiten oder Menschen nehmen Stoffe, deren Zusammensetzung und Stärke sie nicht kennen.

Stürzte täglich eine Boeing ab, würden wir doch auch etwas ändern

Ein Hauptgrund für den Anstieg der Todesfälle durch Drogen in Nordamerika ist das Aufkommen von Fentanyl, einem synthetischen Opioid. Es ist bis zu 50 Mal höher konzentriert als Heroin. Dem ehernen Gesetz der Prohibition folgend, welches besagt, dass illegale Substanzen konzentrierter werden, je mehr die Strafverfolgung zunimmt, bevorzugen Drogendealer Fentanyl. Auch weil es leichter herzustellen und zu transportieren ist als Heroin. Tatsache ist jedoch, dass die meisten Akteure am unteren Ende der Kette des Drogenhandels wenig Ahnung von der Potenz – und damit von der Tödlichkeit – dessen haben, was sie da verkaufen.





Statt höhere Strafen zu fordern, sollte sich die US-Regierung auf Maßnahmen konzentrieren, die die Zahl der Überdosis-Todesfälle verringern und die öffentliche Gesundheit verbessern. Wenn Opioid-Substitutionstherapien, kombiniert mit sozialer Integration und anderen Unterstützungsprogrammen, in den Vereinigten Staaten breiter verfügbar wären, könnten viele Leben gerettet werden, wie es in Westeuropa der Fall war, als es in den späten 1980er- und frühen 1990er-Jahren mit seinen eigenen Heroin- und HIV-Epidemien konfrontiert war. In der Schweiz beispielsweise werden Patientinnen und Patienten, die auf eine andere Behandlung ihres Drogenkonsums nicht angesprochen haben, täglich in einem permanenten medizinischen Dienst mit Diamorphin versorgt. Durch dieses Programm mit medizinischem Heroin bekannter Stärke gab es in den 25 Jahren seit Bestehen keine Todesfälle mehr.

Andere Maßnahmen zur Schadensminimierung wie Nadel- und Spritzenaustauschprogramme und sichere Konsumeinrichtungen haben sich in Ländern, in denen sie eingeführt wurden, als wirksam erwiesen. Mittlerweile gibt es rund 100 solcher Einrichtungen in 66 Städten in neun Ländern: Keine davon hat einen Tod durch Überdosis zu vermelden.

Diese Dienste werden jedoch nicht so genutzt oder funktionieren so gut, wie sie könnten, wenn Drogenkonsum und -besitz weiterhin kriminalisiert werden. Menschen, die Drogen konsumieren, werden nicht die Unterstützung und Dienste aufsuchen, die ihr Leben retten könnten, wenn sie fürchten, dabei verhaftet zu werden. Wenn die US-Regierung wirklich das Leben ihrer Bürgerinnen und Bürger retten will, sollte sie den Krieg gegen Drogen nicht neu entfachen. Stattdessen sollte sie sich darauf konzentrieren, die gegenwärtige Krise vor allem als eine der öffentlichen Gesundheit zu behandeln.

 

 


Quelle: Zeit



news_image

Zur Zeit geht es in den Medien heiß her. Ein Bottroper Apothker soll seid 2005 Krebsmedikamente falsch dosiert und sogar gestreckt haben. Es sollen rund 3.700 Menschen betroffen sein. Die Dunkelziffer könnte laut Experten aber deutlich höher ausfallen.

Read more

news_image

Der spanische Außenminister erklärt, warum sein Land das Flüchtlingsschiff "Aquarius" aufgenommen hat - und beklagt, dass Europa in der Migrationspolitik nicht das Hirn einschaltet.

Read more

news_image

Die Bundesregierung hat bislang keine Beweise aus London zum Fall Skripal bekommen. Die deutschen Nachrichtendienste haben keine Erkenntnisse, dass Russland für den Giftanschlag verantwortlich sein könnte.

Read more

news_image

Düsseldorf Elektronische Fußfessel, WhatsApp-Überwachung und bis zu einem Monat Polizeigewahrsam - NRW soll noch vor der Sommerpause sein bisher schärfstes Polizeigesetz bekommen. Die Kritik ist groß. Aber Proteste ähnlich wie in Bayern bleiben aus.

Read more

news_image

Bäume produzieren den Sauerstoff, den wir zum Leben brauchen. Aber immer wieder ist die Rede von Waldsterben, -bränden und Rodungen. Gleichzeitig steigt die Zahl der Weltbevölkerung. Gibt es bald nicht mehr genug Bäume für uns alle?

Read more


allnews_image

Milch hat so viele Kalorien, dass sie nicht als Getränk, sondern als Lebensmittel gilt. Daneben liefert sie dem Körper wichtige Nährstoffe und Kalzium. Trotzdem warnen viele vor dem Konsum - zu Recht?

Voir plus


allnews_image

Der einstige Tech-Guru Jaron Lanier plädiert in seinem neuen Buch dafür, sich von sozialen Netzwerken zu verabschieden: Die Webdienste füllten ihre Nutzer mit dem Zorn der Unsicherheit - mit drastischen Konsequenzen.

Voir plus


allnews_image

In wenigen Stunden gelten die US-Strafzölle auf Stahl und Aluminium aus der EU. Was will die US-Regierung? Wie reagiert Brüssel? Was bedeutet der Schritt für Konsumenten? WELT beantwortet die wichtigsten Fragen.

Voir plus


allnews_image

Es ist die größte Übernahme eines deutschen Unternehmens im Ausland. Leverkusen und das benachbarte Monheim gewinnen mit dem Kauf von Monsanto durch Bayer weiteres Gewicht in der globalen Wirtschaft. Weitere Aspekte des Deals im Überblick.

Voir plus


allnews_image

Am 29. Mai 1993 töteten Rechtsextreme fünf Menschen in Solingen. Mehmet Daimagüler war damals in der FDP aktiv, heute vertritt er Opfer der NSU-Anschläge.

Voir plus



allnews_image

Rom (Reuters) - Rund drei Monate nach der Wahl in Italien sind die populistische 5-Sterne-Bewegung und rechtsextreme Lega mit ihrer geplanten Regierungsbildung gescheitert.

Voir plus


allnews_image

Mal so, mal so: US-Präsident Trump verspielt Amerikas Glaubwürdigkeit. Seine Irrlichterei folgt keiner außenpolitischen Linie, sondern Gefühlen.

Voir plus


allnews_image

Deutschland im Verpackungswahn: schnell noch einen »Coffee to go« oder ein Wasser aus der Plastikflasche für unterwegs und zu Mittag einen Salat aus der Plastikschüssel mit Einwegbesteck aus Kunststoff. Im Supermarkt landen Brot, Wurst, Käse, Obst, Gemüse

Voir plus


allnews_image

Die Fraktionschefs im EU-Parlament haben Facebook-Chef Mark Zuckerberg zum Datenskandal gehört. Das Ganze war eine Farce, aber das lag nicht an den Fragen der Politiker.

Voir plus


allnews_image

Ein aktueller EU-Bericht belegt erneut: Deutschlands Grundwasser hat ein Nitratproblem. Schuld ist vor allem die Landwirtschaft. Es wird teils Jahrzehnte dauern, bis sich die Lage bessert.

Voir plus


allnews_image

Immer wieder verursachen ältere Autofahrer schwere Unfälle. Aber wie teilt man den eigenen Eltern oder Großeltern mit, dass sie den Führerschein besser abgeben?

Voir plus


allnews_image

Die frühere CDU-Politikerin Erika Steinbach lässt kaum einen Anlass aus, ihre Unterstützung für die AfD deutlich zu machen. Nun gibt sie den Bayerischen Verdienstorden zurück - mit entsprechendem Statement.

Voir plus


allnews_image

Der Sonderbeauftragte in der Russlandaffäre kann den US-Präsidenten nicht anklagen – sagt Trumps Anwalt. Und fordert nach einem Jahr das Ende der Ermittlungen.

Voir plus




allnews_image

Auf der Ausgrabungsstätte Göbekli Tepe nahe der türkischen Stadt Sanliurfa ist der älteste bekannte Tempel der Menschheitsgeschichte zu finden, mit einem Alter von etwa 11.000 Jahren.

Voir plus


allnews_image

Une cyberattaque «sans précédents» a touché des banques mexicaines. Par mesure de sécurité, les virements de plus de 2100 euros ont été bloqués.

Voir plus


allnews_image

Avec le retour des sanctions, toute entreprise commerçant avec l'Iran risque de voir ses crédits dénoncés en France à l'échéance du moratoire fixé par Donald Trump.

Voir plus


allnews_image

A l’occasion des débats sur la loi Alimentation, qui commencent la semaine prochaine à l’Assemblée Nationale, le député LREM Matthieu Orphelin déposera un amendement proposant l’interdiction du glyphosate d'ici à 2021.

Voir plus


allnews_image

Berlin - Auch bei denen, die von dem Gesetz profitieren sollen, ist die Skepsis groß. „Das Polizeiaufgabengesetz enthält Regelungen, die nicht dazu dienen, das Vertrauen zwischen der Bevölkerung und der Polizei zu stabilisieren“, sagte der stellvertret

Voir plus