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Zu fettig, zu süß – wie Chile Lebensmittel verbannt

May 7, 2018, 11:21 am

Type: consumption

       




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Unser Essen ist ungesund, und keiner sagt es uns? Brauchen wir die Zuckersteuer und plakative Warnhinweise, die uns sagen: Achtung, hier ist Fett drin? Was ist sinnvolle Gesundheitsvorsorge, was staatliche Bevormundung? In Kalifornien etwa muss Starbucks auf Kaffeebechern künftig vor Krebs durch Acrylamid warnen. Eher irreführend als hilfreich. Und ist überhaupt belegt, dass Warnhinweise das Kauf- und Essverhalten verändern? Der Politikwissenschaftler Tim Dorlach ist solchen Fragen in Chile auf den Grund gegangen. Dort gilt das strengste Lebensmittelkennzeichnungs­gesetz der Welt. Ein Gastbeitrag

"Keine Ernährungspolizei", "kein Nanny-Staat". Julia Klöckner ist gegen die deutlichere Kennzeichnung ungesunder Lebensmittel. Das hat die Bundeslandwirtschaftsministerin zuletzt mehrfach gesagt. Dabei sind sich Forscherinnen und Forscher, egal ob aus der Ernährungswissenschaft oder der Gesundheitsökonomie, einig: Die Zahl Übergewichtiger nimmt weltweit stetig zu, genau wie die Zahl derer, die an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs oder Diabetes leiden. Schon Kinder sind betroffen. Allein in Deutschland gelten mittlerweile 22 Prozent aller Menschen als adipös. Ein globales Problem also, das gelöst werden könnte, wenn Staaten den Nahrungsmittelmarkt stärker regulieren. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat dazu eigens einen Plan entwickelt.

Ärzte fordern die Zuckersteuer

In Deutschland haben zuletzt mehr als 2.000 Ärzte die Bundesregierung aufgefordert, sich sowohl für eine Nährwertampel als auch für eine Zuckersteuer einzusetzen. Die Bundesregierung scheint aber nicht bereit, die Gesundheitsinteressen der Bevölkerung gegen die Nahrungsmittelindustrie, die Reformen eher fürchtet, durchzusetzen. Was machbar ist, kann man von Chile lernen.

Auch wenn Studien sich zuweilen widersprechen und es Ernährungstrends gibt, die immer wieder mal etwas anderes als schädlich hervorheben: Dass zu viel Zucker, Salz und gewisse Fette auf Dauer nicht gesund sind, ist mittlerweile Konsens. Und bekannt. In Kombination kommen sie besonders häufig in stark verarbeiteten Lebensmitteln, also etwa Fertiggerichten, vor.

Ungesunde Ernährung, kombiniert mit zu wenig Bewegung und daraus resultierendem Übergewicht – das sind die Hauptrisikofaktoren für nicht übertragbare Krankheiten wie Herzleiden, Krebs oder Diabetes. Diese Volkskrankheiten mindern nicht nur die Lebensqualität. Sie waren hierzulande zuletzt für ganze zwei Drittel aller Todesfälle verantwortlich. Ausgeprägtes Übergewicht verursachte, einerim European Journal of Health Economics erschienenen Studie zufolge, zuletzt jährliche Kosten von 63 Milliarden Euro für die deutschen Sozialsysteme (Effertz et al., 2016).

Eine ungesunde Ernährung ist aber nicht nur Ergebnis individueller Entscheidungen – was von der Nahrungsmittelindustrie besonders betont wird (Obesity Reviews: Jenkin et al., 2011) –, sondern hat auch strukturelle Ursachen. Durch die Industrialisierung und Globalisierung des Nahrungsmittelmarktes hat das Angebot an ungesunden, aber billigen Lebensmitteln stark zugenommen (Journal of the American College of Cardiology: Anand et al., 2015). Insbesondere Kinder gewöhnen sich schon früh an den Konsum ungesunder Lebensmittel, nicht zuletzt durch gezielte Werbung, lange bevor sie mündige Verbraucher sind (Annual Review of Public Health: Harris et al., 2009).




 

 

Da die Nahrungsmittelindustrie global enorm konzentriert ist, haben einzelne Konzerne oft große Marktmacht und viel Einfluss auf die Politik. Bürgerinnen und Bürger gehen hingegen selten auf die Straße, damit Regierende sie vor Krankheiten schützen, die sie erst in Zukunft bekommen könnten. Zu regulieren, was hergestellt und verkauft wird, ist politisch daher schwierig. Und doch ist es notwendig.

Die deutsche und europäische Politik hat notwendige Reformen bisher größtenteils blockiert. Der Deutsche Bundestag beriet zuletzt in den Jahren 2007 bis 2008 über die Einführung einer Ampelkennzeichnung. Der Antrag der Grünen wurde damals mit Stimmen von CDU/CSU, SPD und FDP abgelehnt. Berichterstatterin der CDU war interessanterweise schon damals die heutige Ministerin für Ernährung und Landwirtschaft Julia Klöckner. 2010 wurde das Thema Ampelkennzeichnung dann auf europäischer Ebene diskutiert, aber auch das Europaparlament lehnte den Vorschlag klar ab. Berichterstatterin für das Europäische Parlament war damals Renate Sommer von der CDU. Die deutschen Christdemokraten stellen sich also nicht zum ersten Mal gegen die strengere Regulierung der Nahrungsmittelindustrie im Sinne einer gesünderen Ernährung der Bevölkerung.

Chiles Motto: Alles mit Warnhinweis ist ungesund

Im Gegensatz dazu haben sich lateinamerikanische Länder zu Vorreitern gesundheitsfördernder Regulierung entwickelt. Das weltweit strengste Kennzeichnungsgesetz für Lebensmittel gilt seit 2016 in Chile. Enthält etwas Verpacktes zum Beispiel mehr als 10 Gramm Zucker pro 100 Gramm, muss dies auf der Vorderseite mit einem achteckigen "Hoher Zuckergehalt"-Symbol versehen werden. Chile entschied sich für dieses Zeichen, da es sich in Tests mit Verbraucherinnen und Verbrauchern als am einfachsten zu verstehen erwiesen hatte. Gleichzeitig startete das Gesundheitsministerium eine Aufklärungskampagne mit dem Slogan "Bevorzuge Lebensmittel mit weniger Warnkennzeichen. Und wenn sie gar keine haben, umso besser".

Chiles Warnkennzeichen

"Viel Zucker", "viele gesättigte Fette", "viel Salz", "viele Kalorien": So warnt Chile auf seinen Lebensmitteln vor allem, was im Übermaß ungesund ist.

© Gesundheitsministerium Chile/minsal.cl

Doch das war nur ein erster Schritt. Basierend auf den Kennzeichnungen wurden Verkauf und Werbung für bestimmte Lebensmittel eingeschränkt. Gekennzeichnete Produkte dürfen nicht mehr in Schulen angeboten werden: das Ende für Süßigkeiten und zuckerhaltige Getränke auf Schulhöfen. Auch Rezepte für Schulessen mussten deshalb umgestellt werden – auf gesündere Zutaten.

Innovativ sind auch Chiles Werbeeinschränkungen. Produkte mit Warnzeichen dürfen nicht mehr direkt auf Kinder unter 14 Jahren abzielen. Sie in Kombination mit Spielzeug zu verkaufen, wie im McDonald's Happy Meal, oder sie mit Zeichentrickcharakteren zu bewerben: nicht mehr zulässig. Von den Packungen der Frühstücksflocken lachen seither keine Comichelden mehr. Ab Ende Mai darf zwischen 6 und 22 Uhr weder im Fernsehen noch im Kino Werbung für Produkte mit Kennzeichnung laufen. Fehlt nur noch eine extra Steuer auf gekennzeichnete Lebensmittel. Auch über die wird nachgedacht.

Die globale Nahrungsmittelindustrie, in Chile vertreten durch die Organisation Alimentos y Bebidas de Chile, stellte sich zuvor gegen die Einführung der neuen Regeln. Besonders sichtbar wurde das, als der Verband versuchte, die Legitimität des Gesetzes nach seiner Einführung durch eine Medienkampagne zu untergraben. Eine zentrale Forderung der Industrie war es, hohe Nährwertgehalte, wenn überhaupt, pro Portion statt pro 100 Gramm zu berechnen. Durch die Definition besonders kleiner Portionen würde dies zu weniger Kennzeichnung führen. Auch gegen die Werbeeinschränkungen versuchten Konzerne gemeinsam gerichtlich vorzugehen. Zurzeit laufen mehrere Verfahren, in denen Unternehmen klagen, dass das chilenische Verbot von Zeichentrickfiguren auf Verpackungen ihre geistigen Eigentumsrechte einschränke.

 




 

Nicht immer müssen die Kennzeichnungsregeln tatsächlich zu Umsatzeinbußen der Hersteller und Händler führen, wie Forscher 2011 am Beispiel der Kaffeekette Starbucks zeigen konnten. Dort gaben Kundinnen und Kunden nach der Einführung von Kalorienangaben auf Getränken und Snacks genauso viel Geld aus – nur eben für gesündere Produkte (American Economic Journal: Bollinger et al., 2011).

Erste Evaluierungsstudien deuten schon jetzt an, dass das chilenische Gesetz etwas verändert. So ist im ersten Jahr nach seiner Einführung der Verkauf von Schokolade stark zurückgegangen. Gleichzeitig haben Hersteller die Rezepturen ihrer Produkte abgewandelt, um deren Gehalt an Zucker, Salz, gesättigten Fettsäuren und Kalorien zu reduzieren. Und zwar so weit, dass sie unter den jeweiligen Grenzwerten bleiben, um kein Warnsignal tragen zu müssen.

Wie also hat es Chile geschafft, sich gegen den Einfluss der globalen Nahrungsmittelindustrie durchzusetzen und ein gesundheitspolitisch so wegweisendes Gesetz einzuführen? Ziemlich entscheidend dafür war, dass die globale Lebensmittelindustrie in Chile im Rahmen öffentlicher Anhörungen zwar ausführlich ihre Positionen vortragen durfte, die neuen Regeln aber weitgehend unabhängig von der Industrie entwickelt wurden. Enge Kooperationen mit der Nahrungsmittelindustrie während der Politikgestaltung führen nämlich fast zwangsläufig zu laxeren Regeln und mehr Ausnahmen. Daher sollte die Europäische Kommission in der Überarbeitung der Lebensmittelkennzeichnungsrichtlinie den irreführenden Kennzeichnungsvorschlag der Industrie auch als das sehen, was er ist: ein Versuch, strengerer staatlicher Regulierung durch einen eigenen Vorschlag zuvorzukommen.

Zudem wurde Chiles Lebensmittelkennzeichnung klar als gesundheitspolitisches Thema behandelt – das Gesetz im Gesundheitsausschuss des Parlaments entwickelt. Die Details der Umsetzung lagen danach in der Hand des Gesundheitsministeriums. Das Landwirtschaftsministerium hingehen zählte zur Riege der Gegner gesundheitsfördernder Regulierungen. Wenn also, wie bei uns, das Landwirtschaftsministerium für das Thema zuständig ist, sind Konflikte vorprogrammiert: die Gesundheit der Bürger schützen oder Erzeuger und Händler von Lebensmitteln stärken? Diese Interessen stehen sich dann gegenüber.

Chiles strenge Pläne wurden außerdem von einflussreichen Politikerinnen und Politikern unterstützt. Guido Girardi, der das Gesetz in den Senat einbrachte, kannte als Kinderarzt den großen Handlungsbedarf. Als Senatspräsident hatte er auch den notwendigen Einfluss, um eine Mehrheit im Parlament zu organisieren. Auch Michelle Bachelet, unter deren Präsidentschaft das Gesetz entwickelt und umgesetzt wurde, ist Kinderärztin. In Deutschland haben profilierte Gesundheitspolitiker, wie Karl Lauterbach von der SPD oder Rudolf Henke von der CDU, das Thema bislang weitgehend ignoriert.

Dabei ließe sich mit Ampeln, Warnschildern, Werbeverboten oder sogar einer Zuckersteuer durchaus Politik machen. 77 Prozent der chilenischen Bevölkerung gaben in einer Umfrage zuletzt an, das Gesetz gehe ihrer Ansicht nach in die richtige Richtung. Und selbst die Werbeeinschränkungen, der unbeliebteste Teil, fanden noch unter 57 Prozent Zustimmung (Umfrage als PDF). In Deutschland ist die Lage ähnlich. Eine Emnid-Umfrage von 2009 zeigte, dass 69 Prozent der Deutschen für eine klarere Kennzeichnung in Ampelform wären. Chile hat vorgemacht, dass Politik die Industrie zum Handeln zwingen kann. Doch dazu reicht es nicht, dass allein die Mehrheit der Bevölkerung dies will.


Quelle: Zeit



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