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Warum es so schwer fällt, sich zu ändern?

January 1, 2018, 7:36 pm

Type: Gesundheit

       




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Jedes Jahr, wenn um Mitternacht die Sektkorken knallen und Silvesterraketen ihre feurigen Spuren in den Himmel schreiben, nehmen wir es uns vor: mit dem Rauchen aufhören etwa, abnehmen, geselliger sein, die Steuererklärung endlich rechtzeitig einreichen, alte Freunde mal wieder anrufen, pünktlicher werden, dem Chef energischer Paroli bieten oder das Leben einfach lockerer nehmen.

Doch meistens sind die guten Neujahrsvorsätze bald verflogen, weil die Wirklichkeit irgendwie anders ist. Seltsamerweise haben wir überhaupt kein Problem damit, an unserem Charakter etwas zu bemängeln, tun uns jedoch äußerst schwer damit, ihn zu ändern. 

Sind wir nicht der Homo sapiens, der vernunftbegabte Mensch, der über sich selbst reflektieren kann und einen freien Willen hat? Da sollte es doch leicht sein, sich selbst mit diesem geistigen Rüstzeug neu zu erfinden. 

In Wahrheit aber fällt das schwer, und den Gründen dafür sind Mediziner, Psychologen und Biologen inzwischen auf der Spur. Sie haben viel darüber herausgefunden, wie sich die Persönlichkeit entwickelt, welche genetischen, vorgeburtlichen und sozialen Einflüsse sie prägen und wie sich all das auf Biochemie und Verdrahtung unseres Gehirns auswirkt. Die Forscher versuchen den Spielraum für Veränderungen auszuloten und zu erklären, weshalb wir so unterschiedlich sind.

Botenstoffe im Gehirn

Ein erheblicher Teil unserer Persönlichkeit, so haben Genforscher ermittelt, wird von unserem Erbgut diktiert. Studien an Zwillingen und Adoptivkindern ergaben, dass offenbar rund 50 Prozent der Persönlichkeitsfacetten auf das Konto der Gene gehen.

Nur von einigen dieser Erbfaktoren ist bislang bekannt, wie sie genau einzelne Charakterzüge beeinflussen und zu den Unterschieden zwischen den Menschen beitragen. Es sind vor allem solche Gene, die Botenstoffe des Gehirns und Hormone regulieren: Noradrenalin, Dopamin, Serotonin sowie Oxytocin etwa. Diese Stoffe beeinflussen, wie motiviert, empathisch, ängstlich und sozial wir sind.

Eines der Gene etwa sorgt dafür, dass im Gehirn frei gesetztes Serotonin wieder verschwindet. Doch bei einer Variante dieses Gens funktioniert das nicht so gut und der Botenstoff wirkt bei den betreffenden Menschen länger als bei anderen. Die Folge: Wer diese Genvariante von seinen Eltern mitbekommen hat, neigt eher zur Passivität, ist ängstlicher, schneller reizbar und stressempfindlicher als andere.

Doch nicht nur das Erbgut, auch andere Faktoren beeinflussen unsere spätere Persönlichkeit noch bevor wir geboren werden. Einer davon ist Stress, dem die werdende Mutter während der Schwangerschaft ausgesetzt ist. Ausgeschüttete Stresshormone wie Kortisol prägen das Gehirn des Ungeborenen nachhaltig. Solche Kinder werden später impulsiver, vermögen ihre Handlungen nicht so sinnvoll zu planen und haben häufiger emotionale Probleme.

Einfluss der Pubertät

Die Entwicklung im Mutterleib und die Gene machen den Löwenanteil an der späteren Persönlichkeit eines Menschen aus. Nach der Geburt hängt in den ersten Jahren vieles davon ab, wie liebevoll sich die Mutter oder andere Bezugspersonen kümmern und welche sozialen Erfahrungen der neue Erdenbürger macht. Den Feinschliff schließlich besorgen Erlebnisse im späteren Kindesalter und in der Pubertät; sie formen rund 20 Prozent der Persönlichkeit.

So schälen sich die Facetten unseres Charakters bereits in der frühen Kindheit heraus, werden vor allem während der Pubertät nochmals variiert, um sich dann im weiteren Verlauf des Lebens zu verfestigen. Im Alter zwischen 30 und 60 Jahren bleiben die Persönlichkeitsmerkmale recht stabil. Danach ändern sie sich zum Teil wieder ein wenig. So sind viele Senioren weniger offen für neue Erfahrungen als sie es vorher waren, dafür sozial verträglicher.

Doch auch, wenn sich Eigenschaften im Lauf des Lebens etwas modifizieren, so bleiben die Menschen ihrem grundsätzlichen Charakter fast immer treu. Am ehesten sind es dramatische äußere Auslöser, die einen Wandel der Persönlichkeit anstoßen: Verlust des Partners oder des Arbeitsplatzes, schwere Krankheit oder erlebte Katastrophen gehören dazu. Doch davon abgesehen, so schreibt der Bremer Hirnforscher Gerhard Roth in seinem Buch "Persönlichkeit, Entscheidung und Verhalten", halten sich die Möglichkeiten, das eigene Leben zu ändern, in engen Grenzen.

Erfolgskonzept der Natur

Angesichts all der vielen Größen, die unser Gehirn und Verhalten beeinflussen - Gene, Botenstoffe, neuronale Verschaltungen, soziale Prägung - ist das auch kein Wunder. Menschen sind eben verschieden; die einen sind groß, die anderen klein, die einen haben blaue Augen, die anderen braune und das ist bei den Persönlichkeitsmerkmalen nicht anders. Evolutionsbiologen sehen in dieser Vielfalt sogar einen Vorteil, ja ein Kalkül der Natur.

Denn Unterschiede zwischen Individuen sind - das wissen die Biologen seit Darwin - das Material, das es Arten ermöglicht, sich an neue oder wandelnde Umwelten anzupassen. Das Erfolgskonzept der Natur lautet: Je größer die Vielfalt, desto besser werden Lebewesen damit fertig, wenn sich ihre Welt verändert. Und das gilt nicht nur für körperliche Merkmale, sondern ebenso für Verhaltensweisen. In diesem Licht betrachtet, haben alle Persönlichkeitseigenschaften - je nach Umgebung oder Situation - ihre Vor- und Nachteile.

Sehr gesellige, aktive, spontane - extravertierte - Menschen etwa bilden große soziale Netzwerke aus und haben mehr Sexualpartner. Doch auf der anderen Seite neigen sie zu riskanten Unternehmungen oder kümmern sich nicht genug um ihre Familie.

Wer häufig besorgt, ängstlich und angespannt ist, scheint auf den ersten Blick einen Nachteil zu haben, doch in einer Welt voller Gefahren sind es gerade diese Menschen, die dank ihrer Ängste schneller als andere bemerken, wenn es brenzlig wird und sich aufgrund ihrer Befürchtungen dagegen wappnen. Besonders Gewissenhafte schließlich machen zwar alles ganz genau, neigen aber dazu, zu erstarren und nicht mehr flexibel zu sein.

Neugierige Abenteurer

Die Vielfalt an unterschiedlichen Persönlichkeiten, so glauben Evolutionsbiologen, half dem Homo sapiens, als er vor 60.000 bis 70.000 Jahren Afrika verließ, um die Erde zu erobern. Denn auf dieser Reise musste er sich an viele Regionen mit äußerst unterschiedlicher Vegetation, Tierwelt, Geografie und variierendem Klima anpassen.

Ein Charakterzug dürfte bei diesem Exodus in die Welt hinaus besonders hilfreich gewesen sein. Er ist heute unter dem Begriff "Novelty Seeker" bekannt. Dabei handelt es sich um Personen, die sich schnell langweilen und bei denen der Drang, Neues auszuprobieren und das Unbekannte zu erkunden, extrem stark ausgeprägt ist. 

Als Ursache haben Forscher bei ihnen im Gehirn einen besonders niedrigen Gehalt des Botenstoffs Dopamin ausgemacht. Er vermittelt normalerweise bestimmten Hirnregionen bei einem ungekannten Sinneseindruck das Signal "Neues entdeckt!". Doch bei den "Novelty Seekers" kommt dieses Signal kaum an, sodass sie eine permanente Sehnsucht nach dem Unbekannten in sich tragen und es sie in die Welt hinauszieht.

In unserer heutigen durchstrukturierten, eingeschliffenen Gesellschaft bereitet ihnen das oft Probleme. Die Betreffenden werden daher häufiger psychisch krank, trinken oder rauchen viel, lassen sich auf waghalsige Abenteuer ein. Gerade dadurch aber fallen sie auch immer wieder positiv auf - etwa durch die Erstbesteigung eines extrem schwierigen Berges.

Und so kann jeder eine sinnvolle Rolle für sich finden. Denn für die Gesellschaft insgesamt gilt: Eine jede Persönlichkeitsnuance hat ihre Stärken, und es ist die Mixtur aus unterschiedlichen Charakteren, die eine Gemeinschaft fit für das Überleben macht. Die Verschiedenheit der Individuen dürfte ein Schlüssel dafür sein, dass wir als Menschheit so erfolgreich sind.

Und daher müssen wir uns vielleicht gar nicht ändern.


Quelle: www.Spiegel.de



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