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Indien hat eines der strengsten Plastik-Gesetze der Welt – und zeigt, warum Verbote allein nicht ausreichen

21 February 2019, 16:54

Gesetze





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Quelle Image:  ATHAR PARVAIZ Eine Kuh weidet neben Plastikabfall in der Nähe des Azadpur-Markt in Neu-Delhi.

 

Die Wasseroberfläche des Kanals in der Nähe von Nitesh Kumars Haus im Bezirk Rani Garden in der Indischen Hauptstadt Neu-Delhi ist überzogen von Plastikmüll. Das Wasser verschwindet unter einer Decke aus Kunststoffabfällen, die den Kanal in eine Müllhalde verwandelt haben.


 

“Dieser Kanal ist nicht nur eine Quelle üblen Gestanks, sondern im Sommer auch eine Brutstätte für Krankheiten”, sagt der 12-jährige Nitesh.

Plastikabfälle und Müll seien ein Nährboden für Moskitos. “Die Moskitos beißen uns jede Nacht und hinterlassen dutzende Male in unseren Gesichtern”, sagt er.

Die Verschmutzung mit Plastikmüll in Rani Garden ist keine Ausnahme. Solche Zustände sind in den indischen Dörfern und Städten alltäglich. In der Nähe der riesigen Mülldeponien, die in den Außenbezirken von Indiens Städten wie Ghazipur in Delhi und entlang des Flusses Yamuna im Norden des Landes angesiedelt sind, hängen Plastiktüten in den Ästen. Sie sieht aus, als würden die Bäume Blüten tragen.

 

Recycling und Müllverarbeitung sind in Indien schlecht reguliert

Obwohl Indien weltweit nicht zu den Ländern mit dem höchsten Kunststoffverbrauch zählt – knapp 11 Kilogramm Plastik werden dort jährlich pro Kopf im Jahr verbraucht (in Deutschland 37 Kilogramm, in den USA sogar 109 Kilogramm) – ist die Müllwirtschaft eine Katastrophe.

Ein Großteil des Recycling-Geschäfts läuft illegal, unreguliert und ohne staatliche Aufsicht. Jeden Tag entstehen in Indien 15 Millionen Kilogramm Plastikmüll. Nur etwas mehr als die Hälfte davon wird gesammelt und recycelt. Der Rest verschmutzt die Gewässer, verstopft die Kanalisation, tötet Tiere und schädigt die Umwelt.

Eine Kuh weidet neben Plastikabfall in der Nähe des Azadpur-Markt in

ATHAR PARVAIZ

Eine Kuh weidet neben Plastikabfall in der Nähe des Azadpur-Markt in Neu-Delhi.

 

Jüngst gab es heftige Debatten im Land über die Umweltverschmutzung durch Plastikmüll. Das Ergebnis: Am 5. Juni hat das Land einen radikalen Schritt gewagt, um das Problem anzugehen.

Umweltminister Hash Vardhan nutzte den Weltumwelttag, um bekanntzugeben, dass Indien bis 2022 “alle Einwegkunstoff-Produkte aus unserem schönen Land” verbannen wird.

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In Mumbai sind Plastiktüten, -flaschen und -besteck komplett verboten





Im ganzen Land soll die Herstellung, Nutzung und Lagerung von Plastik verboten werden. In 25 der 29 Bundesstaaten des Landes gilt das bereits ab jetzt.

Seit dem 23. Juni ist Mumbai die größte Stadt im Land, die ein komplettes Verbot von Einweg-Kunststoffen – wie Plastiktüten, Flaschen und Besteck – eingeführt hat.

Ausgenommen von dem Verbot sind Verpackungen für den Einzelhandel, Mülltüten und Verpackungen, um Essen mit nach Hause zu nehmen. 

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Wer dabei erwischt wird, dass er Plastik verwendet oder verkauft, muss mit einer Geldstrafe von bis zu 25.000 Rupien, umgerechnet etwa 315 Euro rechnen. Wiederholungstäter können mit bis zu drei Monaten Gefängnis bestraft werden.

 

Umweltschützer begrüßen die Verbote – aber haben auch eine Befürchtung

Die Umsetzung der Strafen hat bereits begonnen. Berichten zufolge wurden am ersten Wochenende bereits Geldbußen über einen Gesamtbetrag von 400.000 Rupien, umgerechnet 4120 Euro verhängt. Unter den 80 Unternehmen, die es getroffen hat, waren auch Firmen wie McDonald’s und Starbucks.

Umweltschützer haben den Schritt begrüßt, Kunststoffe im ganzen Land zu verbieten. Aber sie haben Zweifel, dass der ehrgeizige Entschluss auch tatsächlich so entschieden umgesetzt wird.

Die Erfahrung hat uns gezeigt, dass die Umsetzung und Anwendung sehr schlecht läuft, trotz der Bemühungen der indischen Regierung, Einwegplastik-Produkte in fast jedem Bundesstaat des Landes zu verbieten”, sagt Pratibha Sharma, Indiens Projekt-Koordinator der Globalen Allianz zur Suche nach Alternativen für Verbrennungsanlagen (GAIA).

 

Die Behörden handeln nicht konsequent genug

Im Norden des Bundesstaates Punjab gebe es zum Beispiel ein flächendeckendes Verbot für Beutel aus Polyethylen. Trotzdem kämen sie weiterhin zum Einsatz, sagt Harminder Pal Singh, Professor für Umweltwissenschaften an der Universität Punjab.

“Manchmal belangen Regierungsbeamte Ladenbesitzer und Verkäufer für die Verwendung von Beuteln aus Polyethylen. Aber diese Strafen haben keine Auswirkungen, weil die Überprüfungen nur sehr sporadisch stattfinden. Die Behörden müssen konsequenter sein, um das Verbot effektiv durchzusetzen”, sagt Singh.

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Im südlichen Bundesstaat Karnataka sei Kunststoff ebenfalls komplett verboten. Doch die politischen Parteien würden auch weiterhin Banner und Wimpel aus Plastik und anderen verbotenen Kunststoffen verwenden. Das liege daran, dass Verwaltungsbeamte das Verbot nicht bei den Parteien durchsetzen könnten, sagt Megha Shenoy, Sonderbeauftragte der in Bengaluru ansässigen Organisation Ashoka Trust, die die Folgen für Ökologie und Umwelt erforscht. 

Sharma macht die Industrie für einige Probleme verantwortlich, die es bei der Durchsetzung des Verbots gibt.

“Die Regierung hat dem Druck der Kunststoff-Industrie und der Lobby-Gruppen oft nachgegeben. In der Folge sind die Verbote entweder aufgehoben oder abgeschwächt worden”, sagt sie.

 

Es muss mehr Druck auf Unternehmen ausgeübt werden

GAIA hat kürzlich im ganzen Land überprüft, wie viel Abfälle die Fabriken produzieren, um aufzuzeigen, wie sehr die Unternehmen zu dem Problem der Einweg-Kunststoffe beitragen.  

Der Schlüssel zum Erfolg sei es, Druck auf die Unternehmen auszuüben, damit das Verbot funktioniere, sagt die nichtstaatliche Umweltschutz-Organisation Friends of the Earth.

“Um ein solches Ziel zu erreichen, ist es wichtig, dass Indien nicht nur den Verbrauchern vorschreibt, auf Plastik zu verzichten. Nur wenn man Gesetze erlässt, die es den großen Unternehmen untersagen, unnötig Kunststoffe zu verwenden und gleichzeitig innovative Alternativen schafft, kann das Land der Verschmutzung durch Plastik Einhalt gebieten”, sagt Rosie Cotgreave, Aktivistin für ein plastik-freies Leben von Friends of the Earth. 

Die Industrie-Gremien erhoffen sich allerdings von der Regierung eine Lösung für das Problem. Die Kunststoff-Industrie sei auch weiterhin entscheidend für Indiens Wirtschaft und die Regierung erkenne das an, sagt Hitten Bheda, Präsident der All India Plastic Manufacturers’ Association.

“Wir haben der Regierung auch gesagt, dass die strengen Regeln gegen das unsachgemäße Wegwerfen von Kunststoffabfällen, die bereits existieren, umgesetzt werden sollten, damit gebrauchtes Plastik eingesammelt und recycelt wird”, sagt er.

 

Der erste Schritt ist getan, doch das reicht nicht

Verbunden mit dem Problem der Umsetzung ist die Frage nach den Definitionen. Die Entscheidung, Einweg-Kunststoffe bis 2022 zu verbannen, sei zwar gut, aber müsse noch präzisiert werden, sagt Ravi Agarwal, Direktor der nichtstaatlichen Umweltorganisation Toxics Link.

“Es ist sehr wichtig, dass die Regierung definiert, was Einweg-Kunststoff ist. Bis jetzt herrscht noch Verwirrung, was die Definition anbelangt. Und die wurde noch nicht aufgeklärt. Gilt die Definition beispielsweise auch für die Lebensmittel-Verpackungsindustrie?” fragt Agarwal.

Die HuffPost hat nach präziseren Details zu dieser Strategie gefragt. Doch das indische Umweltministerium hat bislang nicht auf die Anrufe und die E-Mails reagiert. 

Ein Junge sortiert Plastikmüll in

ATHAR PARVAIZ

Ein Junge sortiert Plastikmüll in Neu-Delhi.

Einige Aktivisten schlagen vor, das Verbot müsse noch viel weiter gehen. Cotgreave sagt, die Regierung solle weniger offensichtliche Produkte berücksichtigen, die Kunststoff enthalten, wie Kleidungsstücke mit Mikrofasern.

Premierminister Narendra Modi hat Plastik eine “Bedrohung für die Menschheit” genannt. Aber wenn seine Regierung dem Plastik-Problem wirklich Herr werden wolle, solle sie sich auf Kernbereiche konzentrieren, sagt Sharma von GAIA.

Verbote reichen nicht – auch Recycling muss verbessert werden

Sie fordert eine drastische Reduzierung der Menge an produziertem Kunststoff, die Neugestaltung von Produkten und Verpackungen, um sie recycelbar und wiederverwendbar zu machen. Und die Unternehmen müssten für den Plastikmüll zur Verantwortung gezogen werden, den ihre Produkte verursachen.

Darüber hinaus sagt sie, dass die Recycling-Branche gestärkt werden müsse. Auch Agarwal pflichtet ihr in diesem Punkt bei. “Das Beste, was die Regierung tun kann, die Umweltverschmutzung durch Kunststoffe zu kontrollieren, ist, die Recycling-Anlagen aufzurüsten”, sagt er. 

Bislang scheinen die einfachen Bürger die zu sein, die mit positivem Beispiel vorangehen, wie man das Problem mit den Kunststoffabfällen des Landes bewältigt.

 

Indien hat die Messlatte hoch angelegt





Beispielsweise gelang es den Bürgern, bei einer öffentlichen Säuberungsaktion am Versova Strand in Mumbai, eine Küstenlinie, die einst mit Plastik- und anderem Müll überzogen war, wieder in einen unberührten Zustand zu verwandeln. Im März wurde hier zum ersten Mal seit Jahrzehnten beobachtet, wie hunderte olivgrünen Ridley-Schildkröte geschlüpft sind.  

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“Indien hat die Messlatte mit diesem Versprechen hoch gelegt”, sagt Cotgreave. “So bewundernswert dieses Bestreben auch ist: Probieren geht über Studieren. Und nur die Zeit wird zeigen, ob den Worten auch Taten folgen.” 

 

Ein Junge isst am Abwasserkanal bei Kanti Nagar in

ATHAR PARVAIZ

Ein Junge isst am Abwasserkanal bei Kanti Nagar in Neu-Delhi.

 

Für Nitesh aus Rani Garden und für Millionen von Kindern, die in den verarmten städtischen Siedlungen Indiens leben, könnte jeder positive Effekt, den Indiens Entscheidung zur Begrenzung des Plastik-Mülls hat, eine lebensverändernde Erfahrung sein.

Nitesh ist sich sicher, dass die Menschen nicht so oft krank werden würden und der Gestank nicht so schlimm wäre, wenn es weniger Plastikabfälle gäbe.  

“Unsere Eltern sagen den Leuten oft, dass sie ihren Müll und ihre Plastiktüten nicht in den Kanal werfen sollen. Aber es interessiert sie nicht”, sagt Nitesh. “Wir wissen nicht, wie wir dagegen vorgehen sollen. Vielleicht kann ja die Regierung helfen.”

 


Quelle: Huffingtonpost


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