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Die Wut von Chiles Senioren

December 26, 2019, 2:28 pm

Type: Gesetze





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Quelle Image: https://taz.de/Proteste-gegen-private-Rente-in-Chile/!5348892/

 

Chiles Rentensystem verhindert Altersarmut nicht. Das zwingt viele Pensionäre, bis ins hohe Alter weiterzuarbeiten oder ihre Kinder um Unterstützung zu bitten. Die niedrigen Renten gehören zu den wichtigsten Gründen, weshalb in dem Land seit Monaten protestiert wird. 


 

Damit könne sie nicht leben, sagt Maria Angélica Moya Reyes und blickt konzentriert durch ihre grüne Brille auf den Bankauszug, den sie vor sich hält. Mit lauter Stimme liest sie den Rentenbetrag ab, den sie letzten Monat erhalten hat: umgerechnet rund 270 Franken. Die gelernte Krankenschwester gehört damit zu den 80 Prozent der chilenischen Pensionäre, deren Rente unter dem Mindestlohn von rund 450 Franken liegt. Moya, die ihr Leben lang gearbeitet hat, findet das unerhört: «Missbrauch – so nennt sich das, was diese Regierung macht.» Die 65-Jährige ist nicht allein mit dieser Meinung. Die tiefen Renten sind einer der Hauptgründe für die Unzufriedenheit in dem Land, die sich seit Mitte Oktober in konstanten Protestaktionen ausdrückt.

 

Kinder springen ein

Das Ehepaar Moya betreibt im Wohnzimmer seines Fünf-Zimmer-Häuschens in einem Quartier im Süden der Hauptstadt Santiago eine kleine Druckerei. Ein Computer und eine Druckmaschine stehen herum. Ein Kunde lässt gerade Klassenfotos einer Schule drucken. Ihr Ehemann und sie, so stellt die temperamentvolle Seniorin klar, kämen nur dank ihrem Geschäft bis zum Ende des Monats durch. Ihr Gatte hat als Selbständigerwerbender sein Leben lang nie in eine Pensionskasse eingezahlt. Der ebenfalls 65-Jährige erhält seit kurzem eine staatliche Minimalrente, die 2008 für Menschen in prekärer finanzieller Lage eingeführt wurde. Umgerechnet 140 Franken sind das.

Die gemeinsame Rente von 410 Franken reicht nicht weit. Rund ein Drittel davon fliesst in Gas-, Telefon-, Internet- und Elektrizitätsrechnungen. Glücklicherweise sei das Haus im Besitz der Familie, sagt Moya, weshalb sie keine Miete zahlen müssten. Die Lebenshaltungskosten in Chile sind hoch. Ein Liter Vollmilch kostet 1 Franken, eine Tube Zahnpasta 1 Franken 40. Maria Angélica und Luis Antonio sind wie viele andere Chilenen in ihrem Alter gezwungen, weiterzuarbeiten. Den Ruhestand im eigentlichen Sinne anzutreten, scheint undenkbar.

Was passiert, sollten sie eines Tages aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr arbeiten können? Moya lässt die Frage gar nicht erst gelten. «Wir müssen weitermachen», sagt sie bestimmt. Ihr Sohn, ein 32-jähriger Philosophieprofessor, der bei seinen Eltern zu Besuch ist, räumt ein, dass er und sein Bruder in diesem Fall finanziell einspringen müssten. Hinter vorgehaltener Hand erzählt er später, dass sie das punktuell bereits heute tun. Seiner Mama sei das aber unangenehm, aus Stolz spreche sie nicht darüber.

Maria Moya zahlte 35 Jahre lang in die Pensionskasse ein. Zunächst arbeitete sie als Hilfspflegerin, später als Krankenschwester, danach als Pharmavertreterin. Mit 53 Jahren liess sie sich frühpensionieren, arbeitete als Selbständige weiter und legte Geld auf die Seite, statt in eine private Pensionskasse einzuzahlen. Sie habe gewusst, dass ihre Rente deshalb tiefer ausfallen werde, sagt sie. Viel mehr Geld, so ist sie überzeugt, würde sie heute aber nicht bekommen. Ihren Freundinnen, die mit 60 Jahren regulär in Rente gingen und ihr Leben lang in die Pensionskasse eingezahlt hätten, gehe es genauso schlecht wie ihr.

 

Wie ein Mercedes-Benz





Der Wirtschaftsprofessor und Rentensystem-Experte David Bravo von der katholischen Universität in Santiago belegt Moyas Aussage mit Zahlen. «Die Renten in Chile sind in absoluten und relativen Zahlen tief», sagt er. Laut seinen Berechnungen werden sie künftig noch weiter abnehmen. Chiles Pensionäre bezögen heute eine Rente, die durchschnittlich 40 Prozent des monatlichen Einkommens ihrer letzten zehn Arbeitsjahre betrage, erklärt der einstige Leiter der präsidialen Beratungskommission zum Rentensystem. Die tiefen Renten sind laut Bravo auf die schlechte Ausgestaltung des Systems im Jahr 1980 unter dem Militärdiktator Augusto Pinochet zurückzuführen, man habe sich damals verrechnet.

Chile privatisierte damals als erstes Land weltweit sein Vorsorgesystem. Die Regierung versprach, dass die Renten gut 70 Prozent des letzten Gehalts ausmachen würden. Seither spart jeder Versicherte fürs Alter, indem er jeden Monat 10 Prozent seines Einkommens in einen der sechs privaten Pensionsfonds (AFP) einzahlt. Wer eine gute wirtschaftliche Situation hatte, einen Grossteil seines Arbeitslebens formell beschäftigt war und regelmässige Zahlungen an die Pensionskasse leisten konnte, profitiert vom System. Jene Chilenen, die wenig einzahlen konnten, weil ihr Gehalt niedrig, sie irregulär beschäftigt oder arbeitslos waren, erhalten nur eine geringe Rente. Wie die Statistiken zeigen, machen diese die grosse Mehrheit aus. «Ein Sozialversicherungssystem ist das definitiv nicht», sagt Bravo überzeugt.

Es war ausgerechnet José Piñera, der Bruder des gegenwärtigen Präsidenten Sebastián Piñera, der das private Rentensystem als Arbeitsminister unter Pinochet entworfen und ins Leben gerufen hatte. Er verglich es einst mit einem Mercedes-Benz, weil es seiner Meinung nach derart aussergewöhnlich gut war. Maria Moya macht sich über diese Aussage lustig: «Ich kann mir mit meiner Rente nicht einmal ein Dreirad leisten.» Sie lacht laut los. Dieses Rentensystem hätte einen Vorteil für alle Chilenen bringen sollen, doch dem sei nicht so, sagt sie und verweist auf die gegenwärtigen Demonstrationen: Der Unmut auf der Strasse spreche für sich.

 

Wut auf die Pensionskassen

Experten sind sich einig, dass das Pensionssystem dringend reformiert werden muss. Die Beitragszahlungen von 10 Prozent sind ihrer Meinung nach zu niedrig, um den Rentnern ein angemessenes Einkommen zu bieten. Das Rentenalter ist mit 65 Jahren für Männer und 60 Jahren für Frauen ebenfalls zu tief, da die Lebenserwartung seit Anfang 1980 um ein Jahrzehnt angestiegen ist.

Die Wut auf der Strasse entlädt sich aber vor allem gegen die sechs privaten Pensionskassen. Diese erheben vom Gehalt jedes Zahlenden jeweils eine Bearbeitungsgebühr von durchschnittlich 1,27 Prozent und legen die Ersparnisse an der Börse an. Seit Jahren vermehren sie ihre Gewinne und zahlen derweil tiefe Renten aus. Dieser Gegensatz hat laut dem Wirtschaftsprofessor Andrés Solimano vom Think-Tank Ciglob dazu geführt, dass die AFP ihre Legitimation beim Volk verloren haben. Deren Kapital beträgt mehr als 210 Milliarden Franken, was rund 75 Prozent des Bruttoinlandprodukts entspricht. Ihr politischer und wirtschaftlicher Einfluss ist laut Solimano dadurch sehr gross, gerade wenn es um eine Reform des Rentensystems gehe. 

Der Spruch «Keine AFP mehr» ist auf den Transparenten bei den Protesten omnipräsent. Auch die Forderung «Würdige Rente» prangt in Santiago an vielen Fassaden. Maria Moyas Groll konzentriert sich ebenfalls auf die AFP: Diese bereicherten sich mit dem Geld der Chilenen, deren Gewinne spüre aber niemand auf dem Konto. Ihres Erachtens bildet das private Rentensystem gemeinsam mit dem privaten Bildungssystem und dem privaten Gesundheitssektor die Wurzeln der grossen sozialen Ungleichheit in dem Land. 

«Das System hat ausgedient», meint sie, eilt in ihre Küche und kommt mit einem verbeulten Kochtopf aus Metall zurück. Wie eine Wilde schlägt die rothaarige, kleine Frau mit einem Löffel drauf. Der «cacerolazo» – das Topfschlagen – ist eine typische Protestform in vielen Ländern Lateinamerikas. Damit gehe sie demonstrieren, sagt sie mit breitem Grinsen. Entsprechend mitgenommen sieht ihr Topf aus. Sie werde noch viele weitere Male damit auf die Strasse gehen, meint sie, die Demonstrationen dürften nicht aufhören.

 

Für die meisten Chilenen genügt die Altersrente nicht zum überleben. Viele Rentner müssen sich mit Arbeit über Wasser halten, zum Beispiel wie hier als Strassenverkäufer.


 
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Für die meisten Chilenen genügt die Altersrente nicht zum überleben. Viele Rentner müssen sich mit Arbeit über Wasser halten, zum Beispiel wie hier als Strassenverkäufer. 

 

Ein würdiges Leben

Präsident Piñeras Zugeständnisse überzeugen sie offenbar nicht. Zwar begrüsst sie, dass im April 2020 in einem Referendum über eine neue Verfassung entschieden werden soll. Sie glaubt aber nicht, dass diese dem Volk zugutekommen werde. «Ich habe kein Vertrauen in die Politiker.» Die Ankündigung der Regierung, die Minimalernte von rund 140 Franken bis 2022 um 50 Prozent zu erhöhen, hält sie für einen Witz. Eine Lösung sei das nicht. In Chile gibt es ihrer Meinung nach genug Geld, um den Menschen ein würdiges Leben zu ermöglichen. Davon, erklärt sie entschieden, merke sie aber wenig. 


Quelle: nzz.ch


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