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Bloß nicht mehr nach Hause

January 17, 2019, 2:03 pm

Type: Rechte





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Im Kühlschrank herrscht gähnende Leere. Ein Ei, mehr ist da nicht. Nichts, womit eine Vierjährige etwas anfangen könnte. "Ich habe dann angefangen, meinem kleinen Bruder Babybrei mit kaltem Wasser zu machen, um unseren Hunger zu stillen." Mit ruhiger, kontrollierter Stimme erzählt Mirella, was passiert ist, damals, als ihre Mutter sie und ihren kleinen Bruder allein in der Wohnung gelassen hat. Sie sieht älter aus als 14. Schwarzes, schulterlanges Haar, offener, tougher Gesichtsausdruck. "Du fängst an Angst zu bekommen, wenn du merkst, es wird dunkel. Mein kleiner Bruder war zwei und hat angefangen zu schreien."

Nach einem Tag realisiert Mirella: Ihre Mutter kommt nicht wieder. "Und das war dann der Tiefpunkt, wo ich gesagt habe, ich bin jetzt auf mich alleine gestellt. Ich muss mich um meinen Bruder kümmern und jetzt mach ich das auch. Weil ich Angst hatte, dass er der Nächste ist, der weg ist." Nach drei Tagen hören Nachbarn Mirellas Schreie. Auf einmal stehen fremde Menschen in der Wohnung. Sie seien vom Jugendamt, sagen sie. Mirella und ihr kleiner Bruder werden in eine Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung im Süden Berlins gebracht.

 

Genau hier sitzt Mirella nun, zehn Jahre später, auf ihrem neuen 1,40 Meter breiten Bett. Ihr ganzer Stolz. "Zickenzone" steht auf einem Schild vor ihrem Zimmer. Sie grinst. "Hat mir eine Freundin geschenkt." Mirella fühlt sich wohl in der Hilfeeinrichtung. "Die stehen nicht betrunken vor mir. Die können mir helfen, wenn was los ist. Die wissen, wer ich bin."

Sie klingt entschlossen, selbstbewusst. Doch ihre Entscheidung, mit ihrer Mutter nichts mehr zu tun haben zu wollen, ist noch relativ frisch.

 

Eine Wut-Armee





In den ersten Jahren will Mirella nur zurück. Sie begreift nicht, dass ihre Mutter psychisch nicht in der Lage ist, sich um sie zu kümmern. Wie auch!? Sie ist vier. "Dann hab ich angefangen zu fragen, was für Bedingungen es gibt und was ich erfüllen muss." Als ihr klar wird, dass es nichts gibt, was sie tun kann, um schneller zu ihrer Mutter zurückzukönnen, wird sie wütend: "Ich bin laut geworden und hab' angefangen rumzuschreien und auch Tränen ins Gesicht bekommen."

Die pädagogische Leiterin der Hilfeeinrichtung erkennt Mirellas Not: "Dieses Verlassensein, das ist ja ein Trauma. Die Trennung von der Mutter, diese Hilflosigkeit. Das waren alles Indizien für uns, da müssen wir ran. Sie braucht professionelle Unterstützung." Während der Therapie lernt Mirella mit ihrer Wut umzugehen. "Zum Beispiel hab ich eine Armee gebaut. Dann wurde ich gefragt, warum baust du denn eine Armee? Und ich meinte, na das ist die ganze Wut, die in mir ist." Die pädagogische Leiterin der Einrichtung ist überzeugt: Ohne die Therapie würde Mirella heute nicht so reflektiert mit der Situation umgehen.

 

Immer wieder versetzt, immer wieder eine neue Chance

Nach und nach geht es Mirella besser. Sie wird ruhiger, fröhlicher. Die Fortschritte ihrer Mutter verlaufen langsamer. Immer wieder kündigt sie Besuche in der Hilfeeinrichtung an, nur um Mirella und ihren Bruder dann zu versetzen. "Sie hatte versprochen an Heiligabend zu kommen. Wir standen auf dem Balkon und haben gewartet und die Busse abgezählt." Aber die Mutter kommt nicht. Wie oft Mirella ihrer Mutter verziehen hat, kann sie heute nicht mehr sagen. "Ich hab' halt gedacht, okay, ich geb' ihr noch ne Chance, weil ich der Meinung war, sie kann sich ja ändern, ich sag' ihr das einfach. Weil wenn ich sie verliere, habe ich niemanden mehr."

Mirella ist elf, zwölf Jahre alt, als sie allmählich beginnt, das Verhalten ihrer Mutter anders zu bewerten. An Silvester verlässt die Mutter still und heimlich die private Feier mit ihren Kindern und deren Onkel, um auf einer Party von Freunden weiter zu feiern. "Aufgetaucht ist sie am Tag danach. Gegen 18 Uhr habe ich einen Anruf bekommen von ihr und sie hat gesagt, sie schafft das alles nicht mehr mit mir und meinem Bruder." Doch bevor Mirella begreifen kann, was ihre Mutter da gesagt hat, nimmt die wieder alles zurück. Es sei nicht so gemeint gewesen.

 

"Ich bin fertig mit dem Kapitel"

2016 passiert dann der Moment, der Mirellas Sicht auf ihre Mutter für immer verändert. Sie erlebt ihre Mutter zum allerersten Mal völlig betrunken. "Sie konnte nicht gerade laufen. Ich stand 'nen halben Meter vor ihr und mir wurde fast schlecht, weil das gerochen hat, gestunken hat." Mirella hat Angst, weiß nicht, wie sie reagieren soll. "Sie hat dann angefangen zu erzählen, dass sie nichts dafür könnte, dass alles so passiert ist. Dass sie unschuldig wäre." Da bricht es aus Mirella raus: "Ich meinte dann total wutentbrannt: Natürlich kannst du was dafür, du bist doch daran schuld, dass ich im Heim leben muss!"

Eingestanden hat die Mutter ihre Schuld gegenüber Mirella bis heute nicht. Mirella wartet aber auch nicht mehr darauf. "Mir ist damals bewusst geworden, vielleicht ist es doch nicht so gut für mich, in so einer Zukunft aufzuwachsen. Vielleicht passiert das öfters, dass sie besoffen vor dir steht. Vielleicht komm ich in dieselben Gänge, vielleicht werde ich genauso wie sie. Will ich das? Nein!" Seit einem Jahr hat sie ihre Mutter nicht mehr gesehen. "Ich habe zu ihr gesagt, ich bin fertig mit dem Kapitel." Mirella klingt abgeklärt, wenn sie über ihre Mutter spricht. "Ich bin oft optimistisch gewesen und dachte mir, okay, wir schaffen das. Und das war dann wie ein Zug, der immer und immer wieder gegen die Wand gefahren ist."

 

Mirella bleibt im Heim





Ihre Mutter hofft trotzdem, dass sich Mirella eines Tages entscheiden wird, wieder bei ihr zu leben. Die offizielle Erlaubnis von Jugendamt und Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung hat sie: "Die Mutter ist in einer Therapie gewesen, hat ihre Psychose im Griff, nimmt Medikamente und lebt in einer neuen, stabilen Partnerschaft", erklärt die pädagogische Leiterin der Hilfeeinrichtung. "Wir haben da auf jeden Fall eine positive Entwicklung festgestellt." Doch Mirella will diese Besserungen nicht sehen, glaubt die Leiterin: "Ich bin mir nicht sicher, ob sie weiß, was es bedeutet, dass ihre Mutter manisch-depressiv ist. Ich glaube, sie will das auch gar nicht verstehen. Sie will keine Krankheit als Erklärung akzeptieren. Sie will jemanden haben, den sie beschuldigen kann."

Mirella steht in ihrem Zimmer, vor ihr eine große Rubbelwandkarte. Noch sind erst wenige Länder freigerubbelt. Deutschland, Polen, Tschechien, Niederlande, Österreich. "Wenn ich 18 bin, habe ich mir vorgenommen, eine Weltreise zu machen", sagt sie. "Es kann von ganz kalt bis ganz heiß gehen, weil ich einfach die Unterschiede sehen will." Sie lächelt – ihr typisches Mirella-Lächeln, halb herzlich, halb tough. Nächstes Ziel: Norwegen. Wegen der tollen Fotokulisse.


Quelle: RBB24



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